Kultur : Frühlingsluftgefühle

Christoph Loy wagt sich in Frankfurt an Charles Gounods „Faust“-Oper

Jörg Königsdorf

Es steht nicht gut um Doktor Faust. Kreidebleich und klapprig sitzt er im Tagesraum eines Seniorenheims, die rechte Hand von Parkinson geschüttelt, um ihn herum dämmert noch eine Hand voll Altersgenossen in ihren Rollstühlen dahin oder wird von gelassenen Zivis über die Flure geschoben. Christoph Loy greift gerne zu solchen hyperrealistischen Details, um den Opern des 19. Jahrhunderts neues Leben einzublasen: Donizettis „Roberto Devereux“ hat er in München durch eine Thatcherisierung der alternden Virgin Queen wieder flott gemacht, jetzt stellt sich Deutschlands „Regisseur des Jahres“ an Frankfurts Opernhaus der noch weitaus kniffligeren Aufgabe, zu beweisen, dass auch Gounods „Faust“ mehr ist als ein Album schöner Melodien. Schwierig ist die Aufgabe vor allem deshalb, weil Gounod die idyllischen Genreszenen liebevoll auspinselte: die balzenden Städter in der lauen Frühlingsluft, die schneidigen Soldatenparaden, der splatterige Grusel der Walpurgisnacht.

All diese Szenen gibt es in Frankfurt in kaum je gehörter Vollständigkeit zu hören. Und für jede dieser Szenen fällt Loy ein Bild ein: Die Soldaten um Margarethes Bruder Valentin (mit Verdi-Format: Zeljko Lucic) bekommen im städtischen, nach Fünfziger-Jahre-Mief riechenden, Gemeindesaal ein Veteranen-Ständchen, Gretchen selbst fristet ihre Mauerblümchen-Existenz im Plattenbau und zur Walpurgisnacht drehen die Insassen des Altenheims richtig auf. Tempo und Drive hat das allemal, genauer nachdenken sollte man darüber aber besser nicht. Denn irgendwann kommen sich die Requisiten gegenseitig in die Quere, hebt sich der vorgetäuschte Realismus durch immer mehr Unwahrscheinlichkeiten selbst aus den Angeln: Mal deuten Bühne (Herbert Murauer) und Kostüme (Bettina Walter) den rigiden Moralismus der Fünfziger an, mal ist es die schrille Kleinbürgerlichkeit der Siebziger.

Dass der Abend dennoch streckenweise außergewöhnliches Format erreicht, liegt vor allem an einer Sängerin: Nina Stemme. In Wien sang sie die Senta im Holländer, Glyndebourne und Bayreuth haben sie schon als Isolde verpflichtet. Ihre Margarethe zeigt deutlich, warum: Denn Stemme steht vom zerbrechlichsten pianissimo bis zum strahlenden fortissimo nicht nur (bei vorbildlicher Diktion und unaffektiertem Spieltalent) eine schier unbegrenzte Vielfalt an stimmlichen Facetten zur Verfügung – die junge Schwedin zeigt sich vom ersten, berührend schüchternen „Bin weder Fräulein“ bis zum herzzerreißenden, ganz untheatralischen „Heinrich, mir graut vor Dir“ als Ausdruckssängerin in der Nachfolge ihrer legendären Landsfrau Elisabeth Söderström. Kein Ton, der bei Stemme nicht von Seele, von Hoffen und Verzweifeln künden würde. Der Vorwurf, Gounod habe Goethe nicht ernst genug genommen, wird so nicht von Seiten der Regie, sondern überraschenderweise durch eine Sängerin entkräftet. Eindrücklich zeigt Stemme, dass bei Gounod nicht Faust und Mephisto, sondern Margarethe das eigentliche emotionale Zentrum des Stücks ist.

Gegenüber dieser außergewöhnlichen Leistung hat es der Rest der Besetzung naturgemäß schwer, obwohl Frankfurts Intendant Bernd Loebe und sein ganz auf Farbnuancen und duftige Atmosphärewerte hin dirigierender Kapellmeister Johannes Debus auch diesmal wieder ein durchaus überzeugendes Ensemble versammelt haben: Der junge Amerikaner Andrew Richards singt einen Faust zwar ohne französische Kavalierstöne, aber mit virilem, aufs Dramatische zielenden Schneid, der Mephistophéles von Mark S. Doss ist als blödelnde Kunstfigur zwar über vier Stunden etwas anstrengend, imponiert aber mit wendig-prägnantem Bass.

Und dass dem alten Doktor Faustus nicht durch den Regisseur, sondern durch ein junges Mädchen wieder auf die Beine geholfen wird, liegt ja irgendwie auch in der Natur der Sache.

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