Kultur : Frühlingsrolle à la Wuppertal

Von Bergsteigern, Koreanern und anderen Prachtkerlen: Pina Bauschs jüngste Choreografie schafft neue Geschlechterverhältnisse

Sandra Luzina

Peter Pabst hat sein wohl größtes Bühnenbild gebaut: eine schroffe weiße Gletscherwand, 12 Meter hoch. Pina Bauschs neues Stück, wie immer ohne Namen bei der Premiere, wurde durch einen dreiwöchigen Aufenthalt des Wuppertaler Tanztheaters in Korea angeregt. Dort mag politisch immer noch Eiszeit herrschen, jedenfalls was die Beziehungen von Nord- und Südkorea angeht. Das Stück lässt sich aber auch ganz gegenständlich lesen: Korea gilt als die Schweiz Asiens, ein Paradies für Bergsteiger aller Klassen. So unbezwingbar, wie er zunächst aussieht, ist der Bausch-Berg dann aber gar nicht. In Wuppertal sieht man kurz vor der Pause des dreistündigen Abends vier Bergsteiger des Deutschen Alpenvereins, Sektion Elberfeld, in voller Montur sich langsam abseilen. Zwei werden später die Steilwand wieder hochkraxeln, umsichtig und routiniert, angeleint und abgesichert.

Von existenziellen Gefährdungen, vom Tanzen am Abgrund ist an diesem Abend denn auch nichts zu spüren. Die siebzehn Tänzer durchmessen vertrautes ästhetisches Terrain, manchmal bravourös, ja betörend, manchmal auch nur gekonnt und gefällig. Im zweiten Teil herrscht das Element Wasser vor: Das Video zeigt schäumende Wellen oder ruhig fließendes Wasser, in das die Körper regelrecht eintauchen. Doch der Abend bleibt eigentümlich seicht.

Nur kurz sieht man Szenen aus Seoul: Menschen, die auf Rolltreppen vorbeigleiten, die Bausch-Tänzer sind in eigener Sache unterwegs. Auch die koreanische Musik verleiht dem Abend nur eine gewisse Note, keine dominante Farbe. Das Spiel mit dem Selbstzitat: Pina Bausch hat es längst zur hohen Kunst entwickelt. Die Tänzer fliegen und springen, schwimmen und tauchen, schlafen und träumen. Immer bereit, sich zu verlieren – in einem kurzen Bausch-Rausch. Und doch bei sich, selbstgewiss wie nie.

Wie Pina Bausch mit kargen Mitteln eine bewegte Poesie erschafft, wie sie aus der Verfremdung von alltäglichen Verrichtungen ihren skurrilen Witz entfaltet, das ist wie immer bewundernswert. Die Szenen werden wie Perlen zu einer Kette aufgefädelt, dramaturgische Steigerungen gibt es nicht – trotz der Kletterpartien. Auch die zahlreichen Soli geben dem Abend keine Tiefenschärfe. Sie atmen nicht diese narkotische Sinnlichkeit wie in „Nefes“, dem Stück, mit dem Pina Bausch zuletzt in Berlin gastierte, und zeigen auch kein explosives Aufbäumen. Melancholisch und verträumt, dann wieder übermütig-verspielt sind diese Soli, die vage von verborgenen Sehnsüchten erzählen. Nur kurz schwingen die Bewegungen aus, meist bleiben sie eng an den Körper gebunden, die Hände streichen die Konturen entlang, tasten sich zur Mitte vor. Das ist Einkehr und stille Selbstvergewisserung, wirkt manchmal aber auch wie Nabelschau.

Die zierliche Ditta Miranda Jasjfi bringt eine asiatische, dabei sehr eigene Note in den Abend durch ihr feines Spiel der Hände und Füße. Sie ist mal flatternder Schmetterling, mal kindlicher Kobold, biegsam und schmiegsam, dabei robust und eigensinnig. In zarten Frühlingsfarben leuchten die transparenten Abendkleider, die Marion Cito den Frauen auf den schönen Leib geschneidert hat. Raffiniert unterstreichen sie die Linien der Bewegung, das Spiel aus Kurven, Rundungen, Bögen, verschlungenen und schlängelnden Mustern. Wie professionelle Verführerinnen treten die Tänzerinnen auf. Lächeln den Mann herausfordernd an, wiegen sich aufreizend in den Hüften. Die herrlichen Hysterien, die tänzerischen Exaltationen von früher sucht man heute vergebens. Selbst wenn der Mann sie anfeuert, einer von ihnen das Feuerzeug unter die Fersen hält, lässt diese sich in ihrem schlendernden Gang nicht beirren.

Die Liebe – ein Spiel, wo alle Absicherungen und Zurüstungen versagen? Während die Bergsteiger noch ihre Steigeisen befestigen, klettert ein Paar barfüßig hinauf zu einer blühenden Bergwiese, sie schreitet voran, er folgt. Versonnen blicken sie in die Landschaft, dazu ertönt eine hübsch angeschrägte Version des Songs „Wicked Game“. Doch die quälenden Rituale gehören der Vergangenheit an. Die Männer gewinnen ihrer Rolle eine köstliche Komik ab. So Rainer Behr, der sich mit Chinakohl einwickeln lässt – Frühlingsrolle à la Wuppertal. Als echte Kerle schmeißen sie gelegentlich mit Holzscheiten und Stühlen und üben sich im Frauenweitwurf.

Sie können ausgesprochen nett sein, diese neuen Männer. Vielleicht ist das Tanztheater der Pina Bausch ja wie eine traurige, wunderschöne und etwas komplizierte Frau. Sie muss immer weiter tanzen, weil sie so traurig ist.

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