Kultur : Frühstück bei Grady

Unordnung und frühes Leid: Truman Capotes Erstling „Sommerdiebe“

Ulrike Baureithel

Wer kürzlich im Kino Philip Seymour Hoffmans grandiose Verkörperung des exzentrischen Schriftstellers Truman Capote bewundert und dessen Ausbeutung fremder Schicksale um der Kunst und des persönlichen Ruhmes willen bestaunt hat, könnte von diesem Buch irritiert sein. Denn die mit feinen Strichen hingeworfene, atmosphärisch schwebende Sommergeschichte scheint so gar nichts mit Capotes als erstem Tatsachenroman gefeiertem Bestseller „Kaltblütig“, der dem Kinofilm den dramatischen Hintergrund liefert, zu tun zu haben, obwohl der merkwürdig übersetzte Titel „Sommerdiebe“ (Summer Crossing) auf dasselbe Milieu verweist.

Der Titel ist irreführend: Denn nicht Diebe im eigentlichen Sinn treiben durch den heißen New Yorker Sommer (auch wenn es manche Romanfiguren mit dem Eigentum nicht so genau nehmen mögen), sondern die verwöhnte, von der Upper Eastside stammende Grady McNeil stiehlt sich einen kurzen Sommer, den sie fern von der reichen, versnobten Familie verbringt. Sie stürzt sich in eine wilde Romanze mit dem jungen, aber erfahreneren Parkplatzwächter Clyde Manzer, der einer halbwegs intakten jüdischen Familie entstammt und in Brooklyn lebt. So eruptiv ihre körperliche Anziehung, so unüberbrückbar ist das soziale Milieu: Während für Clyde bestimmte Bezirke New Yorks – die Welt östlich des Central Parks – „wie weiße Flecken auf seiner Landkarte“ sind, verlaufen auch Gradys Ausflüge nach Brooklyn wenig erfolgreich: „Es war wie der Versuch, durch eine Jalousie zu spähen.“ Obwohl Grady schon früh ahnt, dass diese Beziehung nur von kurzer Dauer sein wird und sich Clyde „nicht in die Alltagskleidung ihrer Zukunft hineinschneidern ließ“, lassen sich die beiden von ihren Gefühlen mitreißen. Während die neurotische Mutter McNeil in Europa noch den Debütantinnenball der Tochter vorbereitet, haben Grady und Clyde schon heimlich geheiratet.

Nicht diese Fabel macht „Sommerdiebe“ so aufregend. Sensationell ist auch nicht der Fund im Auktionshaus Sotheby’s, wo das Manuskript 2004 plötzlich auftauchte und nun vom Zürcher Verlag Kein und Aber im Rahmen einer kompletten Werkausgabe vorgestellt wird. Falls Capote diesen Roman tatsächlich als Neunzehnjähriger geschrieben und weitgehend abgeschlossen hat, müsste zwar die Werkchronologie neu geschrieben werden, nicht aber ihr Gehalt. Denn vieles, was in „Sommerdiebe“ angelegt ist, kehrt – bis in die Figurenzeichnung – in späteren Büchern, etwa dem Kurzroman „Frühstück bei Tiffany“, wieder.

Aufregend ist etwas anderes: dieser in Anbetracht der Jugend seines Verfassers formvollendete Text – und die im Nachwort verhandelte Frage, warum Capote ihn zeitlebens nicht veröffentlichte. Zunächst ist „Sommerdiebe“ ein Kunststück sozialer Topografie, ausgemessen auf dem Katasterblatt der Stadt. Die höhere Tochter, die „zu Weihnachten Perlen wert ist“, und der Sprössling aus dem Kleinbürgertum, ein „verlorenes Talent“ mit „Diplom in Alltagsbewältigung“, machen ihre verwirrenden Erfahrungen in Auseinandersetzung mit New York. Mehr als in die pubertären Unsicherheiten laufen sie immer wieder in soziale Fallen: Grady, die über die jüdische Herkunft ihres Geliebten hinwegzusehen versucht; Clyde, der sich gegen die Angst, das reiche Mädchen könne ihm weglaufen, durch gespielte Gleichgültigkeit stählt. Zwischen den beiden Peter Bell, der Vertraute Gradys aus Kindertagen, der ihre Maßstäbe teilt und spürt, dass er sie dennoch verliert.

Vielleicht ist die Figur Bells ein Schlüssel, um zu verstehen, weshalb Capote den Roman nie freigegeben hat. Der unbeliebte Peter mit seinem Haarschnitt „wehrloser Unschuld“, teuer und unpassend gekleidet und in einem abseitigen Reich hausend, das nur Grady mit ihm teilt, lässt sich unschwer als Alter Ego des jungen Truman entschlüsseln. Dass Grady außerdem den Namen des tot geborenen Bruders trägt, verleiht der Beziehung eine geheimnisvolle homoerotische Komponente. Bell ist der Mitwisser; so wie Capote später in „Kaltblütig“ der Mitwisser der Täter wird. Der Unterschied besteht in der Distanz. Peter Bell ist sichtlich Leidender; Capote, der den Mördern ihr Geheimnis entlockt, leidet auch, nur zeigt er es nicht.

Dies alles mag die Capote-Forschung weiter beschäftigen, die Leserschaft darf, wenn sie das Werk Capotes nun wiederentdeckt, dankbar sein über den glücklichen Fund. In diesem im Detail unglaublich präzisen, in der Psychologie sicheren und überaus zarten Roman kann man dahingleiten wie Clydes Schwester Anne in Gradys Auto: bis zum Ende des Regenbogens, bevor er zergeht.

Truman Capote: Sommerdiebe. Roman. Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Nachwort von Anuschka Roshani. Kein & Aber, Zürich 2006. 145 S., 16,90 €.

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