Kultur : "Frühstück mit Max": Wohngemeinschaftskinder

Christina Engelmann

Max war eines jener vielbedauerten Kinder, die in den 70er Jahren in linken Wohngemeinschaften aufwuchsen und von wechselnden Bezugspersonen abwechselnd zum Kinderladen, zum Zoo oder zum Fußballplatz gebracht wurden. Als Nelly ihn viele Jahre später in einer Frühstücksbar in Lower Manhattan trifft, ist er Architekt und lebt in New York, weil ihn Berlin, diese Stadt, "kaputt und müde" macht.

Über einem Frühstück im "Space Untitled" erinnern sich beide an die gemeinsame Zeit, als sie zusammen in der Sieben-Zimmer-Altbau-Wohnung über dem Bordell in der Charlottenburger Mommsenstraße lebten und Nelly die Freundin des Vaters und seine Ersatzmutter war.

"Wenn ich heute daran denke", so Nelly, "kommt mir der Nervengeschmack von damals auf die Zunge, er schmeckte wie leichter elektrischer Strom. Ich war immer auf Hochtouren ... ".

Rotkäppchen und der Forstbesitzer

Kein Zweifel, damals war die Welt noch in Ordnung. Das richtige Denken vereinte alle in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Es sind vor allem die Fixpunkte des Alltags der 70er Jahre in Ulrike Kolbs viertem Roman "Frühstück mit Max", die eine anschauliche Innensicht in damaliges WG-Leben und wohlige Déjà-vu-Erlebnisse für die Ehemaligen schaffen.

Nächtliche Theorie-Diskussionen, endlose Beziehungsgespräche, "Bullenrazzia" in der Wohnung, das Gefühl der nahen Revolution - und Kindererziehung als hochpolitisches Terrain. Dazu wöchentliche Elternabende, die korrekte Lektüre für das WG-Kind Max extra aus Ostberlin ("Der rote Großvater erzählt") und die allmorgendliche Fahrt in den Kinderladen "auf dem alten Krankenhausgelände von Bethanien". Dort schreibt ein Vater "Rotkäppchen" so um, dass der Wolf einsichtig statt der armen Großmutter den reichen Forstbesitzer frisst.

Wie aus grauer Vorzeit wehen die unverzichtbaren Attribute männlicher Erotik herüber. Franz, Maxens Vater, raucht gleich nach dem Aufwachen eine Gitanes, denn "schon der Name hatte etwas Unberechenbares, Fernes, Bewegtes, etwas von Freiheit, von Sartre, von radikaler Wahrheitsliebe, von Widerstand und politischem Mut". Nelly fühlt den Sexappeal, den theoriefeste Männer ausstrahlen, und sich überdies geborgen, wenn einer wie Franz "alles messerscharf analysiert".

Doch zur Reflexion ist bei diesem Frühstück gut zwanzig Jahre später seltsamerweise keiner mehr aufgelegt. Max und Nelly schwelgen im biederen "Weißt-du-noch"-Ton, und die Autorin gibt den Lesern keine Chance, genauer zu erfahren, was aus diesem gebeutelten WG-Kind wirklich geworden ist. Auch der überstrapazierte Schauplatz New York gerinnt, wie so oft, fast zwangsläufig zum Klischee. Max, jetzt erfolgreicher Architekt, liebt, was Wunder nach den chaotischen Kindertagen, das Prinzip Ordnung und an New York die Spuren seines Vorbilds I.M. Pei.

Arbeitsbesessen radelt er allmorgendlich über die Brooklyn-Bridge ins Star-Architekten-Büro und spät nachts voller Elan zurück in die Arme seiner amerikanischen Ehefrau, die ihm das verkrampft Deutsche auszutreiben versucht. Aus dem Kontrast zwischen dem kleinen Mäxchen damals und dem großen Max heute hätte die Autorin Interessanteres schöpfen können als nur gekonnt erzähltes Zeitkolorit. Zumal Max ja selbst zu Wort kommt: Ganze hundert Seiten lang darf er seine Sicht auf damals erzählen. Doch gerade an dieser anderen, zweiten Perspektive scheitert der Roman.

Ein Ich ohne Stimme

Ulrike Kolb kapriziert sich gern auf ambitionierte Erzählperspektiven. In "Roman ohne Held" (1997) erzählt eine Tochter das Leben des Vaters nach dessen Tod in der Ich-Form. Im ersten Teil von "Frühstück mit Max" erinnert sich Nelly in der ersten Person, im zweiten Teil hat Max das Ich, doch leider keine eigene Stimme, sondern den gleichen samten geschmeidigen Plauderton wie Nelly.

Kolb hätte diesem jungen Mann jedenfalls zu einer eigenen Sprache verhelfen müssen, um das Potenzial dieses pfiffigen Konstrukts mehr auszuschöpfen. Trotz dieses Defizits ist "Frühstück mit Max" ein liebevolles, farbiges Dokument jener Zeit. Zurück bleibt sogar etwas mehr als der Geschmack von Gitanes und elektrischem Strom.

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