Kultur : Frust ist unmoralisch

Kunst und Geld (Teil 1): Wie sich Berliner Künstler in Zeiten von Hartz IV über Wasser halten

Nicola Kuhn

Eigentlich könnte sich das Kunstamt Neukölln mit der Fotoserie schmücken, nur fiel dort der Förderantrag durch. Was zu verstehen ist, denn dieser Schmuck ist eher zweifelhaft. Die Aufnahmen entstanden im Flur des Sozialamts von Neukölln. Zu sehen ist das Künstlerpaar Twin Gabriel mit seinen beiden Kindern, inszeniert als drop-outs der Gesellschaft: Else Gabriel im Woolworth-Chic mit pinkfarbenen Plateauschuhen und knallenger Streifenjeans, ihr Mann Ulf Wrede glotzt mit Fetthaaren vor sich hin, die Dose Bier in der Hand. „Prosoche“ hat das Duo die bizarre Serie genannt, nach einer der Grundtugenden des Neostoizismus. „Dem Schrecken ins Auge blicken“ bedeutet es übersetzt, und Twin Gabriel meinen es ernst damit.

Das Künstlerpaar entstammt der so genannten Autoperforations-Szene der DDR; noch heute verstehen sie sich im weitesten Sinn als Performance-Künstler. „Halb spielt man es, halb ist man es selbst“, so Else Gabriel. Auch in der Szene auf dem Behördenflur steckt viel von ihrer eigenen Angst. „Halb sind wir selbst die Assis“, sagt die 44-Jährige. „Im Grunde sind wir das als Künstler ohnehin.“

So viel Offenheit verblüfft, sogar von selbsterklärten outlaws der Gesellschaft. Doch seit einiger Zeit ist das Thema Lebensbedingungen von Künstlern angesagt. In Zeiten von Hartz IV schaut man genauer hin, wie sich Menschen organisieren, die immer schon am Existenzminimum operierten und das Patchwork-Berufsdasein lange vor den Ich-AGs und Zeitvertrag-Hangeleien praktizierten.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat jüngst einen Bericht über die angespannte wirtschaftliche Lage bildender Künstler in Berlin vorgelegt, die in völligem Widerspruch zu stehen scheint zu dem Image der Stadt als florierender Kunstmetropole. Berlin zieht magisch Maler, Bildhauer, Fotokünstler an: Die Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Künstler stieg 2001 bis 2003 um 6,6 Prozent (bundesweit ging sie um 8,7 Prozent zurück). Gleichzeitig wuchs die Zahl der Berliner Unternehmen im künstlerischen Bereich um ein Viertel, bundesweit dagegen nur um ein Prozent; die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kletterte um 31 Prozent, bundesweit sank sie dagegen. Aus dieser Statistik lässt sich nicht nur der enorme Zustrom ablesen, sondern auch der wachsende Druck auf Künstler, sich in spartennahen Betrieben den Unterhalt zu sichern. Nach Angaben des Berliner Berufsverbands Bildender Künstler können nur fünf Prozent der rund 5000 professionell bildenden Künstler in Berlin dauerhaft von ihrem Beruf leben; zwei Drittel der Mitglieder verfügen über ein Durchschnittseinkommen von 495 Euro oder weniger. Von Altersvorsorge zu schweigen. Woche für Woche gehen bei der Berliner Stiftung Notgemeinschaft Deutsche Kunst Hilferufe ein. Selbst bei einer Bitte um Materialgeld müssen sich die Antragsteller zwecks Nachprüfbarkeit offenbaren.

Am Telefon sagt Else Gabriel: „Am besten kommen Sie selbst vorbei und schauen sich das bei uns an.“ Die Familie lebt in einer Neuköllner Fabriketage, zweiter Hinterhof; hier kreuzen sich Atelier, Küche, Kinderzimmer und die Arbeitsräume von „creme-double“, in denen Ulf Wrede DVDs für Künstler produziert, Archive konserviert und Spezialanfertigungen für Videoinstallationen entwickelt. Tatsächlich herrscht das kreative Chaos, Keuchhusten der Kinder, Ferienbeginn, die Katze läuft quer, letztes Üben vor der Klavierstunde. Else Gabriel ist gerade aus Kassel zurückgekehrt, wo sie an der Kunsthochschule unterrichtet.

Vor zwei Jahren, als ihr Lehrauftrag an der Hamburger Kunstakademie endete, hätte sie fast ganz auf die eigene Kunst gesetzt, doch dann ging sie wegen der Familie auf Nummer sicher. „Außerdem liegt es mir nicht, auf Sammler zu schielen und nach der Pfeife von Galeristen zu tanzen.“ Twin Gabriel sind insofern typisch: Die häufigsten Broterwerbe von Künstlern finden sich im pädagogischen Bereich oder in benachbarten kreativen Berufen. „1992, während unseres L.A.-Stipendiums, habe ich das bei der Begegnung mit den Beastie Boys erstmals begriffen, die nicht nur Musik machen, sondern auch ihre eigene Plattenfirma besitzen und selbst ihre Fanartikel vertreiben“, erzählt Ulf Wrede. „Man muss alles Artverwandte miteinander verzahnen.“ Deshalb betrieben Twin Gabriel lange Zeit auch das Büro „Plastische Produktionen“, in dem sie Ausstellungsbeschriftungen, Plakate, Kataloge für sich und andere Künstler produzierten. „I learned the skills to pay my bills“, zitiert Nachtarbeiter Wrede grinsend die Zeile eines Beastie-Boys-Songs. Der Nachteil: Kreative Energie fließt ab, Zeit geht verloren.

Auch Tilman Wendland kennt das. Der Installationskünstler verdient sich seinen Lebensunterhalt als Grafikdesigner; gerade hat er für den Uhrenhersteller Nomos den Produktkatalog gestaltet. Er nimmt es pragmatisch: „Ohne Geld könnte ich im Atelier auch nicht arbeiten.“ Lange Zeit hat der 37-Jährige die Nebenjobs verflucht. Doch seit er vor zwei Jahren vorübergehend Sozialhilfe beantragen musste, ist er froh über diese Verdienstmöglichkeit. Außerdem läuft es für ihn zunehmend besser: Immer häufiger werden Arbeiten von ihm finanziert, gibt es Projektgelder. Erst jüngst erhielt Wendland ein Stipendium der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Mit den anderen glücklichen Gewinnern dieser Fördermaßnahme des Jahres 2005/06 präsentiert er ab 27. August in der Berlinischen Galerie die Ergebnisse. Titel: „Abgebrannt“.

Chus Lopez Vidal gibt sich keinen Illusionen mehr hin. „Ich habe meinen Ehrgeiz im letzten Jahr stark heruntergeschraubt“, gesteht die Foto- und Videokünstlerin ein. Seit Oktober betreibt sie in der Gethsemanestraße 8 ein Kinderliteraturcafé als Überlebensmaßnahme: Kaffee, Kuchen, Suppe und dazwischen Lesungen in Französisch, Englisch, Spanisch und Puppentheater. „Im Moment leben wir noch vom Arbeitsamt; in zwei Jahren muss es spätestens laufen.“ Trotzdem verfolgt die 42-jährige Spanierin, die zum Studium nach Berlin kam, noch immer ihre künstlerische Karriere und hatte erst jüngst im Rahmen eines Stipendiums eine große Ausstellung in Porto.

Das alles klingt nicht nach dem Boom, von dem gegenwärtig in der Kunst so viel die Rede ist. Der Hype auf den internationalen Messen, die Millionenergebnisse auf den Auktionen spielen sich in einer anderen Liga ab, der Welt der Sammler und Superreichen. Vom großen Geld profitieren am wenigsten die Künstler, wenn es sich um Wiederverkäufe und Versteigerungen handelt. Durch die Veränderung des Urheberrechtsgesetzes verringern sich sogar noch einmal die Einnahmen. Für Werke unter 400 Euro müssen Kunsthändler künftig nichts mehr an den Urheber abführen; früher lag die Grenze bei 50 Euro. Bei Verkäufen bis 50 000 Euro soll sich der abzuführende Betrag von fünf auf vier Prozent reduzieren. In Zeiten von Hartz IV, wo jeder Euro zählt, ist das bitter. In einer neuen Studie des Deutschen Kulturrats über selbstständige Künstler werden die insgesamt 320 000 Vertreter als „Modernisierungsavantgarde“ bezeichnet. Sie praktizieren schon heute, was für viele Zukunft ist: ein Leben mit Knappheit und in Unsicherheit.

Kurz nach dem Besuch in Neukölln bei Twin Gabriel schickt Else zur Klärung noch eine E-Mail hinterher – unter der Überschrift „Frust ist unethisch“. Darin steht: „Es ist in gewisser Weise unsittlich, sich zu beklagen, wenn ein selbst gewählter Lebensstil nicht klappt, der in etwa so riskant ist wie Freeclimbing und Höhlentauchen.“

Nächste Folge: Ein Sinfonieorchester lässt sich von Unternehmensberatern durchchecken.

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