Kultur : Frustrierter Patriot

Sein Israel hat sich verändert: Die Erinnerungen des Journalisten Ari Rath.

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Dieser Mann ist vieles in einem. So vieles, dass man schon mal den Überblick verlieren kann. Und dennoch macht alles zusammengenommen erst die Persönlichkeit des Ari Rath aus. Er ist aus Überzeugung: Journalist, Israeli, Jude, Liberaler, Idealist, Friedensfreund, ja Friedensaktivist. Und dank seines bewegten, bisher 87 Jahre zählenden Lebens ein Zeitzeuge, ein Chronist besonderer Güte. Denn Rath hatte erheblichen Anteil am Aufbau des jüdischen Staates – als neugieriger Pionier, zionistisch gesinnter Kibbuznik, kämpfender Soldat und bedeutender Publizist. Nun hat dieser „Überzeugungstäter“ seine Erinnerungen vorgelegt. Herausgekommen ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das gleichermaßen authentisch wie anschaulich Israels Wohl und Wehe beschreibt.

Das allein würde allerdings „Ari heißt Löwe“ noch nicht aus der Flut der Autobiografien herausragen lassen. Vielmehr zeichnet das Buch eine besondere – zugegebenermaßen durchaus auch interessengeleitete – Ehrlichkeit aus. Hier legt nämlich ein Patriot Zeugnis ab, der aus seinem Frust und seiner Enttäuschung keinen Hehl macht. Israel hat sich verändert, rückt politisch immer weiter nach rechts. Und für Rath steht fest: Das schadet dem Land und macht aus der Hoffnung auf einen Ausgleich mit den Palästinensern eine Illusion.

Kein Wunder, dass Rath wenig Anlass für Optimismus sieht. „Noch nie hatten in Israel nationalistische und orthodox-religiöse Parteien so viel Macht. Liberale oder ausgleichende Stimmen werden zunehmend marginalisiert, rassistische und ultraorthodoxe Ansichten durchdringen weite Teile der Gesellschaft.“ Die Knesset-Wahl am vergangenen Dienstag, bei der Mitte-Links-Parteien überraschend zulegen konnten, widerspricht dieser pessimistischen Einschätzung nicht grundlegend. Die Zeichen im Nahen Osten stehen auf Sturm. Wieder einmal.

Dabei gab es eine Zeit, in der Frieden machbar schien. Anfang der 90er Jahre schickte sich die Regierung von Jitzhak Rabin an, den Nahostkonflikt per Abkommen mit Palästinenserchef Jassir Arafat etappenweise zu lösen. Es gab Oslo und eine Menge Euphorie. Alles schien auf gutem Weg – bis 1995 ein religiöser Fanatiker den israelischen Ministerpräsidenten bei einer Kundgebung in Tel Aviv ermordete. Eine Tragödie, schreibt Rath zu Recht. Denn in der Folge gerieten die Verhandlungen mit den Palästinensern zusehends ins Stocken. Seit gut zwei Jahren gibt es keinen nennenswerten Kontakt mehr. Es fehlt nicht nur, aber eben auch an Politikern vom Format eines Rabins. Ein besonnener Kopf wie Shimon Peres allein reicht einfach nicht aus, den Friedensgesprächen neues Leben einzuhauchen.

Kaum einer wird das mehr bedauern als Ari Rath. Schließlich kannte er dank seines Berufs die Großen der jungen israelischen Geschichte allesamt. Manch einem stand der Journalist sogar nah, dem Staatsgründer David Ben Gurion beispielsweise oder Jerusalems langjährigem Bürgermeister Teddy Kollek. Der Reporter Rath erinnert sich als Teil des Geschehens an jede Begegnung. So werden die Schilderungen zu einem Spiegelbild der Geschichte. Das sieht der Autor, nicht ganz frei von Eitelkeit, ähnlich: „So ist mein ganzes Leben immer parallel: Jedes persönliche Ereignis habe ich dann begleitet mit den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen.“

Dass Rath dieses Privileg zuteil wurde, war in vielerlei Hinsicht alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Geboren 1925 in Wien, musste er 1938 vor den Nazis fliehen. Mithilfe einen Kindertransports kam der 13-Jährige nach Palästina. Für Rath, der Sohn aus Galizien stammender jüdischer Eltern, begann ein völlig neues Leben. Weitgehend auf sich allein gestellt, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern eines Kibbuz, war in der zionistischen Jugendbewegung aktiv und wandte sich schließlich dem Journalismus zu. Und Rath nutzte die Möglichkeiten, die sich ihm damit boten. Mehr als drei Jahrzehnte arbeitete er für die damals angesehene englischsprachige „Jerusalem Post“, schaffte es bis zum Chefredakteur und Herausgeber. In dieser Funktion warb Ari Rath unermüdlich für eine Aussöhnung mit den Palästinensern, war Sprachrohr eines politisch liberalen Israels. Doch 1989 fand sein Engagement ein unrühmliches Ende: Die neuen Eigentümer der Zeitung setzten ihn vor die Tür. Das Blatt schlug einen anderen Kurs ein. Kritische Stimmen, etwa zur Besatzung? Fortan unerwünscht. Für Rath war das wohl eine der größten Enttäuschungen seines Lebens.

Heute lebt der „Löwe“ wieder zeitweise in seiner Heimatstadt Wien. Auch das wohl ein Zeichen dafür, dass er sich in Israel fremd fühlt, über vieles sogar entsetzt ist: „Mich erschüttert, wie viele meiner Landsleute, häufig Nachkommen der Opfer von Pogromen und Verfolgung, ungeniert zu Tätern werden.“ Scharfe Worte. Dennoch will sich Rath nicht ganz entmutigen lassen. „Die Aussichten sind düster“, schreibt er im Prolog zu seinem Buch, „doch möchte ich am Abend meines Lebens die Hoffnung nicht aufgeben, den Aufbruch in eine friedliche Zukunft noch zu erleben.“ Es klingt unter den derzeitigen Gegebenheiten wie ein frommer Wunsch. Christian Böhme

Ari Rath: Ari heißt Löwe. Erinnerungen. Aufgezeichnet von

Stefanie Oswalt.

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. 340 Seiten, 24,90 Euro.

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