Kultur : Führungsduo der Union: Der Reiz der Doppelspitze

Stephan-Andreas Casdorff

Wolfgang Schäuble als höchster Kritiker der beiden an der Spitze? Er nicht, bloß nicht er. Der Vorgänger will so verstanden werden: Er wollte nur in einer Art rückblickender Betrachtung erklären, wie es zu der allgemeinen Kritik in der Öffentlichkeit an seinen zwei Nachfolgern kommen konnte. Er wollte es mit einem Satz erklären. Einem, der in der Rückschau als Erkenntnis in der Tat eher trivial wirkt: "Eine der Ursachen, weshalb wir eine ungute Lage haben, liegt darin, dass die Parteivorsitzende und der Fraktionsvorsitzende es nicht geschafft haben, den Eindruck zu verhindern, sie würden sich als Rivalen betrachten."

Aber weil Schäuble es über Merkel und Merz sagte, diese beiden, die inzwischen immer wieder den Eindruck erweckt haben, jeder von ihnen wolle allein an der Spitze sein, und weil er es ausgerechnet in der Rheinischen Post sagte, der Zeitung seines Biografen Ulrich Reitz, erlangte es Bedeutung: als seine erste öffentliche Kritik. Die Antwort sind Fragen. Ob er nicht vielleicht doch die Macht zurück will? Und ob er nicht hätte wissen müssen, dass sich nur schon ein Satz, eine Aussage isolieren lässt? Schäuble hat es gewusst, mindestens geahnt, sonst hätte er mehr gesagt. Und wer lesen kann... Der eine Satz erschien ihm also unbedenklich. Aber was ist schon unbedenklich bei der CDU in diesen Zeiten?

Alle wissen, wie es im Moment bei der Union ist. Wenn sich, zum Beispiel, Friedrich Merz mit Edmund Stoiber in München trifft, dann ist das - nein, nicht normal. Es wird ein "Geheimtreffen" daraus. Obwohl der eine der Fraktionsvorsitzende der gemeinsamen Fraktion von CDU und CSU im Bundestag ist und der andere der CSU-Chef. Obwohl der Chef der größten Oppositionsfraktion aus Anlass einer internationalen Tagung in München ist, wo er eine Rede halten soll und Stoiber als Bayerns Ministerpräsident dort auch seine Aufwartung macht. Alle wissen außerdem, was es eigentlich bedeutet, wenn sich der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer und der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe zusammensetzen: Dann wollen diese drei mehr als nur "den Sinkflug" der Partei beenden - sie wollen aus Unzufriedenheit "Merkel und Merz ein neues Führungsteam zur Seite stellen". Obwohl alle drei bereits im Führungsteam sind, als Vize-Vorsitzende der Fraktion, Rühe und Seehofer auch als Vize-Chefs von CDU und CSU.

Vor diesem Hintergrund sollen dann auch alle wissen, dass Merkel Schäuble telefonisch "zurechtweist". Deswegen steht es so in der Bild-Zeitung mit ihren zwölf Millionen Lesern. Damit wird doch ihre Autorität als CDU-Chefin bewiesen, selbst gegenüber dem, der früher immer als autoritärer Chef galt. Und schon gar in diesen Vorwahl-Zeiten, vor den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am 25. März.

Am Ende interessieren die Themen

Dabei wissen Vorgänger und Nachfolgerin seit ihrem gemeinsamen Oppositionsprogramm von Erfurt 1999, was Not tut: Dass die politische Debatte nicht auf die nächsten Wahlen beschränkt wirken soll. Dass für die Union nicht nur in ihrem jetzigen Zustand Themen wichtig bleiben, wie sie als Katalog schon übereinstimmend beschrieben sind, von der Familie über Bildungspolitik bis zur Neuordnung der sozialen Sicherungssysteme; vom Ehrenamt über Dezentralisierung und Reform des Föderalismus bis zum europäischen Verfassungsvertrag; von der Vereinbarkeit wirtschaftlichen Wachstums mit ökologischer Nachhaltigkeit über die Frage, wie die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft in der Globalisierung durchgesetzt werden können bis zu den ethischen Fragen in Biologie und Medizin. Und dass Themen am Ende die Wähler vielleicht doch mehr interessieren als Personaldebatten.

Im Moment aber stellt es sich so dar: Jede Führung ist so stark, wie ihre Unterstützung reicht. Und in der Union reicht die anscheinend nicht sehr weit. Ein Führungsteam sollte der Doppelspitze von Anfang an zur Seite stehen. Volker Rühe aber ließ noch lange nach seiner Wahlniederlage in Schleswig-Holstein so wenig von sich hören, dass seine Kollegen in der Fraktionsführung und im Präsidium sich ernsthaft zu ärgern begannen. Als er sich zurückmeldete, geschah es mit Kritik am Führungsstil. Jürgen Rüttgers nach seiner Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen hielt geflissentlich und auffällig Distanz. Horst Seehofer arbeitete über Monate mehr für seine Zukunft als für die der Opposition, sodass sich aus Enttäuschung Kritik entzündete. An ihm. Michael Glos wiederum ist für seine Kritik bekannt, die aus dem Hintergrund, unüberhörbar - an den anderen. Roland Koch, Hessens Ministerpräsident, war über Monate absorbiert vom Spendenskandal und ließ doch immer wieder mit Richtungsweisung von sich hören. Aber für die anderen. Und hörte selbst zu gern, als Kanzlerkandidat 2006 genannt zu werden.

"Wer glaubt, dass es unter den führenden Unions-Politikern - nicht nur unter zweien - an Solidarität mangelt, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass ein solches Manko nicht mit einer voreiligen Personalentscheidung aufgehoben werden kann. Wenn es dieses Problem wirklich geben sollte, dann braucht man nur eines: mehr Solidarität." Das waren noch zwei Sätze von Wolfgang Schäuble vom Wochenende, nicht aus dem vertraulichen Telefonat mit Angela Merkel, sondern zwei öffentliche aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und sie waren, klar erkennbar, keine Kritik an Merkel und Merz. Sondern ein versteckter Appell an die Loyalität aller. So bedenklich sind die Zeiten in der CDU.

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