Kultur : Fünf Freunde

Hot Chip begeistern im Berliner Postbahnhof

Jörg W,er

Kein Entrinnen: Als Hot Chip ihren größten Hit „Over And Over“ spielen, hat sich jede Distanz erledigt. Sofern man nicht in einen Winkel des seit Wochen ausverkauften Postbahnhofs geflüchtet ist, wird man vom karnevalesken Massenrave mitgerissen, springt mit einem Mob von verschwitzten Gestalten auf und ab und wirft die Arme entrückt in die trockeneisdurchwaberte Luft. Immer wieder während des 90-minütigen, dramaturgisch wie ein gutes DJ-Set aufgebauten Konzerts entzündet sich spontane Kollektivenergie. Die hat nichts von den tolpatschigen Pogoschubsereien, die physisch sensibleren Naturen den Besuch mancher Indierock-Konzerte verleiden. Hier ist alles fließende Harmonie, wovon beglückt grinsende Gesichter zeugen.

Hot Chip sind in Deutschland die Band der Stunde. In ihrer Musik bedienen sie die Sehnsüchte sowohl der gitarrenfixierten Indie-Fans, der referenzsüchtigen Electronica-Connaisseure und der hedonistischen Dancefloor-Fraktion. Die fünf Londoner Musiker bilden auf der Bühne eine alternative Boygroup aus verschiedenen Nerd-Charakteren. Da ist Felix Martin, einer von zwei Brillenträgern, der im Hintergrund stoisch an seinen Notebooks herumschraubt. Vorn links Owen Clarke, der scheue Bandschönling, des öfteren mit gespielter Genervtheit reagierend, wenn Al Doyle Schabernack auf seinen Tastaturen veranstaltet. Doyle ist der Klassenclown, spielt neben einer eloquenten Funk-Gitarre noch Bass und Kuhglocke. Ganz rechts federt Joe Goddard an seiner Laptopkonsole, ein freundliches, backenbärtiges Bärchen und damit das Gegenteil von seinem Co-Bandleader Alexis Taylor. Der ist ein verschlossen wirkendes Kerlchen, das keine Scheu hat, den mageren, bleichen Oberkörper in einem viel zu großen Schlabberunterhemd halb zu entblößen. Taylor ist die Stimme von Hot Chip, sein effeminierter Lonely-Boy-Gesang gibt den Stücken ihre melancholische Grundierung, die durch mitreißende Chorpassagen konterkariert wird.

Die humanistische Botschaft der Band könnte so lauten: Völlig egal, wie du aussiehst, wenn deine Songs gut sind, wirst du ein Popstar sein. Und die Songs sind mehr als gut: Ob unwiderstehliche Electrogroove-Knaller wie „Ready For The Floor“ oder nah am R’n’B gebaute Balladen wie „We’re Looking For A Lot Of Love“, man merkt jedem Stück die Liebe zum kompositorischen Detail ebenso an wie das Talent zum großen Überwältigungsmoment. Im Konzert ist alles sogar noch besser als auf Platte: Die Songs fließen trickreich ineinander, werden durch sinnvolle Kurzimprovisationen bereichert und gebärden sich als ein grandioser Live-Remix. Wenn sie so weitermachen, könnten Hot Chip die Nachfolger von New Order werden. Jörg Wunder

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