Kultur : Fünf Minuten Jugend

Bauer, Tischler, Torero: Der Berliner Fotograf Edgar Zippel zeigt im Museum Europäischer Kulturen Porträts junger Europäer.

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Blick in die Zukunft. In Polen porträtierte
Blick in die Zukunft. In Polen porträtierte

Wenn Jugendliche über ihre Zukunftswünsche sprechen, hören auch Erwachsene genauer hin. Denn deren Befindlichkeit ist ein Gradmesser der Gesellschaft und aktueller Entwicklungen. „I’m not afraid of anything!“ haben viele junge Menschen geantwortet, die der Fotograf Edgar Zippel getroffen hat. Das ist so erstaunlich im krisengebeutelten Europa mit 23 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, dass der Satz gleich zum Titel von Zippels Porträt-Ausstellung im Museum europäischer Kulturen avancierte. Mit ihr beginnt die neue Ausstellungsreihe „Europabilder“.

Seit 2009 war der Berliner Fotograf im Auftrag der Dahlemer Institution mehrmals in Europa unterwegs, in Island, Großbritannien, Polen, Rumänien, Moldawien, Deutschland, Italien und Portugal. Hundert junge Menschen hat er mit seiner analogen Hasselblad fotografiert. Viele hat er einfach auf der Straße angesprochen, andere wurden ihm über Bekannte vermittelt. Die Begegnungen beschränkten sich auf wenige Minuten. Dazu sollten die 18- bis 24- Jährigen einen Fragebogen zu ihren Ängsten und Träumen ausfüllen. Viele sind noch Schüler, Studenten oder Auszubildende, andere haben einen Beruf, wieder andere sind arbeitslos.

Edgar Zippel hat sich für eine neutrale Bildsprache entschieden. Er nimmt die jungen Erwachsenen frontal in inszenierten Ganzkörper- und Halbporträts auf, nutzt natürliches Licht und bezieht immer auch etwas die Umgebung ein. Doch nichts davon ist symbolisch gemeint oder bringt gar ein Lebensgefühl zum Ausdruck. Visuelle Anthropologie und künstlerische Sichtweisen sollten in dieser Serie verschmelzen, so Irene Ziehe, Kuratorin am Museum Europäischer Kulturen. Können Wissenschaftler mit diesen Momentaufnahmen arbeiten? Welche validen Informationen tragen die Porträts in sich? Das wäre spannend zu erfahren. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Fotografie als Mittel zur ethnografischen Dokumentation eingesetzt. Das Museum besitzt eine Sammlung von den 1880er Jahren bis heute, Architektur- oder auch Trachtenaufnahmen, dazu viele Porträts.

Statt nach Unterschieden zwischen Nationalitäten und sozialen Schichten fragt die Ausstellung nach Gemeinsamkeiten der jungen Generation. Da gibt es modische Parallelen zwischen Bauer Fridrik und dem Tischler Nick – beide tragen Mützen, die sie tief in die Stirn gezogen haben, und schwarze, lässige Skaterklamotten. Aber was heißt das schon? Die Porträts bleiben stumm. Vielleicht weil sie sich nicht entscheiden können, was sie sind. Ethnografische Dokumentation? Enzyklopädisch wie August Sanders Bildatlas bestimmter Berufs- und Gesellschaftsgruppen oder einfühlsam-beobachtend wie die Jugendporträts der Niederländerin Rineke Dijkstra?

Anhaltspunkte über Status und Herkunft der jungen Leute liefern nur die Fotografien selbst, Ausschnitte aus steppigen Landschaften und grauen Garageneinfahrten, das Arbeitsumfeld eines Labors oder einer Bäckerei. Auch die Beschriftung verrät nichts, außer Vornamen, Beruf und Geburtsdatum. Wer es genau wissen will, kann auf dezenten Listen nachschauen. Die Entscheidung, die Bilder nicht nach Regionen zu ordnen, ist nachvollziehbar, um ein Schubladendenken zu verhindern. Dafür wird der Betrachter nun mit Kontrasten konfrontiert, die das Projekt beliebig werden lassen. Da gesellt sich die aus offensichtlich gutem Hause stammende Flametta, aufgenommen im vornehmen Salon ihrer Eltern mit Ölschinken an der Wand und Seidenkissen auf dem Sofa, neben Dan. Der junge Mann steht eingeklemmt zwischen Raufaser-Tapete und Gardine, auf der gemusterten Couch liegt eine kratzige Wolldecke. Es gibt Golfspieler und Straßenmusiker, Fachangestellte und Toreros – kurz, einen bilderbuchartigen Querschnitt der Gesellschaft, aber nicht unbedingt die junge.

Berührende Momente stellen sich ein, wenn man sich an den Computerbildschirm setzt und durch die spontan beantworteten Fragebögen scrollt. Da wünscht sich der arbeitslose junge Vater Nicolai aus Moldawien, der auf seinem Porträt mit hohlen Wangen neben einem Kinderwagen steht, viele Länder zu bereisen und Menschen in Armut zu helfen. Und der augenscheinliche Metal-Fan Mateusz aus Polen, ein düsterer Typ mit schwerer Lederjacke, Pferdeschwanz und Ziegenbärtchen, erträumt sich einen Job in der Verwaltung. Und ganz viel Ruhe im Leben. Anna Pataczek

Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, bis 27. 4.; Di bis Fr 10–18 Uhr, Sa / So 11–18 Uhr. Katalog (Kehrer) 36 €.

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