Kultur : Fünf Schnatzen und ein Sitzpinkler

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel geht durch die Höllen des LanghansHarems

Es war wirklich keine Absicht, Ehrenwort! Und im Nachhinein tut es mir natürlich Leid, denn wer muss es wieder einmal ausbaden? Der Leser! Dabei fing alles so harmlos an.

Ich war beim Zappen so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn – da plötzlich lande ich in einer Sendung, wo einige Frauen und ein Mann in meinem Alter, also im besten zwischen fünfzig und sechzig, über sich und ihr naturgemäß verpfuschtes Leben erzählen. Interessant, denke ich schlagfertig, und obwohl sie meinem Eindruck nach kein Großes Latinum haben, sind es offensichtlich keine Prolls, die sich mittlerweile im Fernsehen doch recht breitmachen, sondern eher mittelschichtartige Gestalten, heruntergekommene Bürgerkinder, saren wia mal.

Alters- und herkunftsmäßig gab es also durchaus ein identifikatorisches Anknüpfungspotential, und auch gendertheoretisch war da erkennbar Musike drin – so bin ich eben kleben geblieben, wie oft soll ich mich denn noch entschuldigen?! Es waren aber die Sendungen vor der eigentlichen Aktion, dem „Projekt“, die mich anfixten: vier oder fünf Berichte, in denen die Protagonisten ganz einfach und klassisch vorgestellt wurden durch Interviews, alte Dokumentaraufnahmen und Fotos, neu gedrehte Bilder, die sie in ihrem jetzigen Leben zeigen. Und obwohl ich wie jeder vernünftige Mensch, der 68 miterlebt hat, Rainer Langhans verabscheue und diese fünf Tussies, die sich als sein „Harem“ vorführen lassen, gleich mit, war ich irgendwie gerührt und dachte wohlwollend: Eigentlich sind die doch ganz nett, und sogar „der Rainer“, dieser schreckliche Ersatzguru, ist nicht so gemein, wie ich ihn mir gewünscht habe.

Das war dann ein Irrtum, wie sich bald zeigen sollte, nämlich als die richtigen, „Big Brother“ nachempfundenen Folgen losgingen: „Kommune - 5 Frauen + 1 Mann“ leben sieben Tage in einer Wohnung und werden rund um die Uhr, sogar auf dem Klo!, von Kameras überwacht, wie damals im Hürther Container; ach, Zlatko. Jeden Tag wird ein einstündiger Zusammenschnitt des „Experiments“ – Selbsterfahrung, Wahrheitsfindung, Ansicharbeiten, der ganze Esodreck eben – gezeigt, mit drei bis vier Werbeunterbrechungen. Außerdem gibt es noch bis zu zwanzig völlig sinnlose Kurzunterbrechungen, wo das Logo der Sendung für sich und TV Berlin mit Pauken und Trommeln Reklame macht; man fühlt sich an die Kindheit erinnert, als man mit Rülpsen oder Furzen beifällige Aufmerksamkeit bei den Gleichaltrigen erheischen konnte.

Aber TVB ist wohl auch der pupsigste Sender überhaupt, Astrologie-Show und Hugo Waltz satt – Müllverbrennungsanlage Hilfsausdruck. Insgesamt bleiben dann pro Folge knapp 40 Minuten Projektbilder – von 1440 Minuten (quasi 86 300 Sekunden!), die ein Tag lang ist. Da sind der Manipulation natürlich Tür und Tor geöffnet: Das erste, was im Container stirbt, ist die Wahrheit, wie wir ja alle gerade in diesen Tagen so schmerzhaft erfahren durften.

Und obwohl den TVB-Stümpern also alle Möglichkeiten offen standen, sich ihre Sendung selber auszudenken, Gute und Böse zu kreieren, Leute auf- und abzubauen, wie sie Lust und Laune haben und wie es der Quote dient, ist es ihnen gelungen, einen solchen Zusammenschnitt herzustellen, dass der wohlwollende Zuschauer („Ich“) alle sechs Protagonisten, ohne Ausnahme, abscheulich findet: eine Gruppe von heruntergekommenen, larmoyanten Sozialhilfeempfängern, die im Frühverrentungsalter immer noch nach ihrem wahren Selbst greinen und deren esoterisches Körnergefresse einen sofort zu genmanipulierten Currywürsten greifen lässt. Und wie sich die Weiber von diesem mit leiser, aber fester Stimme endlos vor sich hin schwadronierenden Diffustheoretiker zusammenstauchen – fast hätte ich geschrieben: zusammenscheißen – lassen.

Hitler und die Deutschen: okay; Bhagwan und Sloterdijk: gebongt; aber Langhans und der Harem: Man wird es nie begreifen. Und dann brechen sie in Tränen aus, und der sadistische Sitzpinkler äfft sie in kindisch-grausamster Form, was er selber aber, wenn seine Zerstörungslust wieder Normalniveau erreicht hat, als „miteinander arbeiten“ bezeichnet. Und die Schnatzen fressen es! So dumm und niederträchtig dieser Langhans auch ist, fast verabscheut man die Frauen, die sich so von ihm kujonieren lassen, mehr als ihn.

Jetzt können Sie sich vorstellen, was in einem großen Frauenversteher, wie ich seit Jahren einer bin, vorgeht, wenn er so etwas sieht beziehungsweise sich ansehen muss. Ich hätte nach ein, zwei Folgen abgebrochen, aber Ihnen zuliebe habe ich weitergemacht, bis zum bitteren Ende.

Ich bin durch die Hölle gegangen, und zwar nicht „embedded“; wie es dort aussieht, erzähle ich Ihnen vielleicht beim nächstenmal ausführlicher, und vor allem: in Farbe!

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