Kultur : Fünf Stunden Feindschaft

Das Weimarer Theater verhebt sich an „Faust II“

Kerstin Decker

„Die Uhr steht still – / steht still! Sie schweigt wie Mitternacht.“ Lachen aus dem Zuschauerraum, nicht das erste, nicht das letzte an diesem Abend, in dieser Nacht. Ja, der Zeitpunkt stimmt, Mitternacht ist gerade vorbei im Nationaltheater Weimar, dieser übergroßen Bühne mit einer Stadt dazu. Sechs Zeilen zuvor hatte Faust, den es hier nicht gibt, seine Weltfahrt beendet. Und jeder verstand, was des Doktors Vision bedeutet, dieses „Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“: Endlich das Haus verlassen dürfen nach fünf Stunden offener Feindschaft zwischen Publikum und Bühne. Die ersten gingen gleich nach Beginn.

Der Tragödie zweiter Teil in der Regie von Laurent Chétouane in Weimar: ein Desaster, wie es der Theatergänger höchstens einmal im Leben erlebt. Und das ausgerechnet bei diesem wohl größten Stück des deutschen, ach was, des Welttheaters. Und das ausgerechnet in Goethes eigener Stadt und zum Datum dieser Wiederkehr: an Ostern genau vor 200 Jahren ist „Faust I“ erschienen.

„Faust“, die Menschheitskomödie. Aber nicht der Komödie galt das allgegenwärtige Lachen. Diese „ernsten Scherze“ (Goethe) – keiner verstand sie mehr. Es war ein böses, ein kleines Lachen, ein Lachen – mit einem anderen großen, späten Weimarer gesprochen – der „letzten Menschen“. Nach Nietzsche: solcher, die sich selbst endgültig verpasst haben und das als Verdienst nehmen. Mit denen – und für die – nichts mehr zu machen ist. Und gilt das nicht auch für die dilettantischen Goethe-Aufsager da vorn, denen man in jedem Augenblick anmerkt, wie fremd, ja peinlich ihnen ist, was sie hier spielen müssen? Aber „spielen“ ist eine irreführende Vokabel, Regie auch.

Chétouane, ahnt man, wollte die „Textmaschine“. Welch höchste Virtuosität hätte die gebraucht. Chétouane hätte gewarnt sein können, von Goethes Homunculus: „Am Ende hängen wir doch ab/Von Kreaturen, die wir machten.“ Hilflose Ornamente, austauschbare Gesten, Maschin’ kaputt. Faust und Mephisto sind ohnehin gestrichen. Zumindest ist nun klar, was die Kollektion der hässlichsten leeren Stühle des 20. Jahrhunderts – das Bühnenbild – bedeuten soll. Universelle Abwesenheit. Alle sind gegangen. Geist und Sinn zuerst, wohl auch der des Intendanten, der das aufführen lässt.

Goethe hatte den „Faust II“ seinen Zeitgenossen schon nicht mehr zugetraut. Das Werk würde nur „an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen“, schrieb er am 17. März 1832 an Wilhelm von Humboldt. Also hat er es für die Nachwelt versiegelt. Spätere, hoffte er, würden klüger sein.

An Auferstehungstagen wie heute ist vieles möglich, das wissen wir nicht zuletzt aus dem „Faust“. Man könnte also einen Osterspaziergang ans Theater machen: Der ganze „Faust“ an einem Tag, dazwischen Vorträge, das geht von nachmittags bis Mitternacht. Regie: Michael Thalheimer. Da fehlt doch was, beschweren sich längst die Fundamentalisten der Werktreue. Natürlich, bei Thalheimer fehlt fast alles, fast immer. Aber das, was da ist: was für eine hochintelligente – Textmaschine! Kerstin Decker

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