Kultur : Fünf Stunden in Saigon

KNUD KOHR

"Ho-Ho-Ho Chi Minh! Vietnam is gonna win!" skandiert Raymond Wolff ins Foyer des Heimatmuseums Neukölln.Erstaunliches geschieht.Drei Dutzend gutgekleideter Menschen im besten Alter lächeln zustimmend.Durch den Raum zieht der Duft von gekochtem Ingwer und Jasmintee.Sind wir in ein Zeitloch gefallen? Haben wir eine obskure kommunistische Sekte übersehen?

Keine Angst.Raymond Wolff ist Historiker.Die Gäste - die sich beim Lächeln wohl an wilde Jugendzeiten erinnern - haben zuvor am Entree 68 Mark bezahlt, um bei "30 Jahre danach.Das Ho Chi Minh-Diner" dabeisein zu dürfen.Und daß sich auch nach diesem Abend nichts am Antlitz unseres Landes ändern wird, dafür bürgt schon das Antlitz des Bundestagskandidaten Dietmar Staffelt (SPD), das rings um das Heimatmuseum plakatiert ist.

Das Konzept, ein mehrgängiges Menü mit historischen und kulturellen Darbietungen zu verbinden, ist im Neuköllner Heimatmuseum nicht neu.Seit Beginn des Jahres veranstaltet das Haus die Reihe "Museum in aller Munde".An diesem Freitag abend steht Vietnam im Mittelpunkt des Interesses.Auf die Idee kam der freischaffende Historiker Raymond Wolff, als er vor Monaten erfuhr, daß Ho Chi Minh Teile seiner Exilzeit in den 20er Jahren in Neukölln verbrachte, wo er als Fotolaborant arbeitete.Der spätere Revolutionsführer und Staatspräsident traf in dieser Zeit neben Ernst Thälmann auch Clara Zetkin, die ihm seine ersten deutschen Worte bebrachte: "Liebe Genossen und Genossinnen." Noch 1957 düpierte Ho die DDR-Regierung bei einem Staatsbesuch mit dem Wunsch, einen Tag in Neukölln verbringen zu wollen.

Die Geschichten, die Wolff erzählt, bilden die Höhepunkte des Abends.Die fünf gereichten Spezialitäten weniger.Dabei sind sie - vom gebackenen Karpfen bis zur Bambussprossen-Suppe - wirklich nicht schlecht.Doch man traut sich kaum, eine weitere Kelle Fleisch auf den Teller zu häufen, weil die Moderatorin Ilka Neumann nach jedem Gang zur nächsten Darbietung vietnamesischer Künstler ins Foyer ruft.Ngoyen Van Nam entlockt seiner Mondlaute spirituelle Klänge, die Autorin Pham Thi Hoai widmet sich im Essay "Home and Away" den Differenzen zwischen Deutschland und Vietnam."An Deutschland amüsiert mich", trägt sie vor, "daß das Gästebett immer am meisten knarrt und das Gästehandtuch immer das kleinste im Haushalt ist.In meinem Land ist das Gästehandtuch immer das größte.Wenn es eins gibt."

Die gutgekleideten Menschen lächeln auch dazu.Ein Herr mit Vollbart, der bei der Lautenmusik erbarmungslos mitgeswingt hat und dem man ansieht, daß er zu anderer Zeit bei anderer Musik ganz andere Genussmittel als Jasmintee verkostet hat, verlangt nach einer Kopie des Manuskripts.

Nach fünf Stunden ist das Diner vorbei.Auf dem Weg zur U-Bahn fragen wir uns, ob wir wohl auch lächeln werden, wenn wir irgendwann gutgekleidet vor einem Historiker sitzen, der, sagen wir, über die Zeit der Wiedervereinigung referiert und plötzlich "Wir sind das Volk!" skandiert?

Nächste Veranstaltung "Museum in aller Munde" im Heimatmuseum Neukölln am 4.11.unter dem Titel "Russischer Tee.Geschichten am Samowar"

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