Kultur : Fünf Zeilen nur

Der Holocaust im Gedächtnis der Welt

Gerrit Bartels

Es war kein zeitlich bedingter Zufall, sondern ein typisches Beispiel für Veranstaltung und Gegenveranstaltung: Am selben Tag, da in Teheran eine von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad angeregte zweitägige Holocaust-Tagung beginnt – eine Propagandashow mit zahlreichen ausgewiesenen europäischen Holocaust-Leugnern als Teilnehmern –, diskutiert in Berlin eine hochkarätig besetzte Konferenz mit dem Titel „Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis“. Das Thema in Berlin: die globale Rezeption des Holocaust sowie die Mechanismen und Intentionen, die den jeweiligen Holocaust-Leugnungen zugrunde liegen. Ursprünglicher Anlass für die Berliner Konferenz war zwar der Tag der Menschenrechte an diesem Montag, ihre wirklich dringliche Aktualität jedoch bekommt die Veranstaltung im dbb-Forum durch die Holocaust-Tagung in Teheran.

Diese bizarre Veranstaltung im Iran bestärkt Thomas Krüger, den Leiter der mitveranstaltenden Bundeszentrale für Politische Bildung, darin, eine immer stärkere Vernetzung von Rechtsextremen und Islamisten zu diagnostizieren. Und dies betont auch der amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Raul Hilberg in seinem Eröffnungsvortrag: „Es sind die Zahlen, die Gegner und Leugner bestreiten – aber hier sind sie.“ In seinem dreibändigen Hauptwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ hat er bewiesen, dass es in den Vernichtungslagern mindestens 5,1 Millionen Opfer gegeben hat. Hilberg unterstreicht, dass der Holocaust nicht zentral gesteuert, sondern von Staatsbeamten und Militärs genauso wie von der NS-Führungsriege in eigener Initiative ausgeführt worden sei: „Der Holocaust war selbstverständlich, er war nie begründet, trotz aller Propaganda.“

Wie schwer sich wiederum die Situation im Iran beurteilen lässt, wie komplex die iranische Gesellschaft ist, das beweist das Panel „Der Holocaust und die muslimische Welt“. David Menashri, Direktor des Zentrums für Iranisches Studium an der Universität Tel Aviv, legt in seinem Vortrag dar, dass es Holocaust-Leugnungen im Iran auch schon vor Ahmadinedschad durch revisionistische Philosophen gegeben habe. Ahmadinedschad habe diesen mit seiner Besessenheit und seinem Populismus nur eine neue Dimension hinzugefügt. Die deutsch-persische Journalistin Katajun Amirpur dagegen weiß, dass es auch Strömungen im Iran gab, die Teheraner Tagung nicht allzu hoch zu hängen, und dass der einzige jüdische Abgeordnete im iranischen Parlament sich gegen die Konferenz hätte aussprechen können.

Das Problem im Iran aber sei vor allem die Unwissenheit: In iranischen Schulbüchern, so Amirpur, ständen gerade mal fünf Zeilen über den zwölf Jahre währenden Naziterror, da falle das Wort „Judenverfolgung“ ein einziges Mal. Menashri sekundiert ihr, als er später noch einmal erklärt: „Die Mehrheit der Iraner würde den Holocaust nicht leugnen wollen, sie muss nur überhaupt erst einmal vom Holocaust erfahren.“

So ist man dann in der Runde, die bis auf Menashri aus Journalisten besteht, mitten in der Diskussion über die anständige wie die propagandistische Wissensvermittlung und die Rolle der Medien. Da weiß Ahmet Senyurt von der zunehmenden Penetration der in Deutschland lebenden muslimischen Jugend durch antisemitische Schriften. Er versteht, dass Lehrer Schwierigkeiten hätten, über den Holocaust aufzuklären, wenn solche Hetzliteratur in den Elternhäusern herumliege. Da freut sich der „Deutsche-Welle“-Journalist Carsten von Nahmen, dass das staatliche Informationsmonopol in vielen arabischen Ländern durch das Satellitenfernsehen aufgebrochen worden sei und die Menschen sich aus unterschiedlichsten Quellen informieren könnten. Und da entgegnet ihm Esther Schapira, die kürzlich in Amsterdam über das Leben des Mörders des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh recherchiert hat, dass die Amsterdamer Migrantenviertel zwar flächendeckend mit Satellitenschüsseln ausgestattet seien, aber viele Sender von den Einwohnern bewusst ausgeblendet würden.

Es ist dies eine von Caroline Fetscher moderierte Runde, die sich und ihr Auditorium tatsächlich, wie es im Untertitel heißt, auf den „aktuellen Diskussionsstand“ bringt. Die analysiert und auch warnt, vor Überlegungen à la "Ahmadinedschad sagt das so, meint das aber nicht so". "Das ist ein Fehler, das hat die Geschichte gelehrt“, so Schapira. Zum Schluss bekommt die Diskussion noch einmal eine andere Schärfe, als Ahmet Senyurt sie als „typisch deutsch“ bezeichnet: „Wir schauen in den Iran, nach Holland, aber wir gucken zu wenig vor unserer Haustür. Und überhaupt: Wo sind hier die muslimischen Vertreter?“ Eine Antwort darauf bekommt er nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben