Kultur : Fünfzehn Minuten Chaos

Im Kino: „8 Blickwinkel“ auf ein Präsidenten-Attentat

Sebastian Handke

Salamanca, Spanien: Der amerikanische Präsident ist zu einem Gipfeltreffen über den Kampf gegen den Terror angereist. Als er eine Rede beginnt, wird er mit zwei Schüssen niedergestreckt. Sprengsätze explodieren, Menschen fliehen in Panik. „8 Blickwinkel“ erzählt die unmittelbar Vor- und Nachgeschichte des Attentats: fünfzehn Minuten Chaos, dargestellt aus acht Perspektiven von Zeugen und Beteiligten. Darunter eine TV-Journalistin (Sigourney Weaver), ein Sicherheitsagent (Dennis Quaid), ein Tourist (Forest Whitaker) und der Präsident selbst (William Hurt).

Im Gegensatz zu früheren Versuchen dieser Art, etwa Kurosawas „Rashomon“, interessieren sich Regisseur Pete Travis und Autor Barry Levy nicht für die Eintrübung des Blicks durch Subjektivität. Sie benutzen den Perspektivwechsel als ungewöhnliches Erzählmittel in einer konventionellen Thrillerhandlung: Der Zuschauer folgt also nicht einer Figur, wie sie von Ort zu Ort geht und Entdeckungen macht, die schließlich zur Aufklärung des Verbrechens führen. Sondern die Informationen sind in einzelnen Episoden enthalten, die sich in Schichten übereinanderlegen und in der Gesamtschau zur Lösung des Rätsels fühlen.

Nach jeder Episode wird zurückgespult und neu angesetzt. Das fühlt sich an wie die frühen Staffeln der TV-Serie „24“, als am Ende jeder Folge ein Cliffhanger der Handlung eine neue Richtung gab. Überhaupt wirkt „8 Blickwinkel“ so, als habe man „24“ und die „Bourne“-Trilogie zusammengeschnitten: die Dringlichkeit der Echtzeit-Erzählung, Intimperspektive mit wedelnder Handkamera, Verschwörungsparanoia, europäische Schauplätze – vor allem die Actionsequenzen sind von den Verfolgungsjagden der „Bourne“-Trilogie inspiriert.

Ein Konzept wie dieses führt selten zu einem guten Film. Ein packendes Kinoerlebnis wäre dabei durchaus drin gewesen: In seiner ersten Hälfte ist „8 Blickwinkel“ ein interessanter Thriller mit zeitgemäßer Action-Choreografie und einigen reizvollen Überraschungen. Dann wird das Prinzip aufgeweicht und der Film gerät völlig aus der Spur. Die Kamera springt von einer Figur zur nächsten; die Handlung – von haarsträubenden Zufällen getrieben – wird bis zur Lächerlichkeit unglaubwürdig. „8 Blickwinkel“ scheitert an dem Versuch, Dynamik zu entfesseln, weil er mit den eigenen Regeln nicht streng genug ist . Eine Idee ist nicht genug. Man muss aus der Idee auch eine Geschichte machen. Sebastian Handke

In 20 Berliner Kinos; OV im Cinestar

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