Kultur : Für das Kriegsende

SYBILL MAHLKE

Verdient um Frank Martin: BSO, Singakademie, Achim ZimmermannVON SYBILL MAHLKEBei vielen Autoren, die sich um die "Neue Musik" oder schlichter solche "im 20.Jahrhundert" analytisch und würdigend bemüht haben, findet Frank Martin keinen Platz.Dabei vermeldet die Biographie des Schweizer Komponisten bereits internationale Resonanz und Siege kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor es unter der Blüte der Darmstädter Kurse und des vorpluralistischen Donaueschingen stiller um ihn wird.Daß Frank Martins Zeit wiederkommen könnte, läßt zum Beispiel ein höchst konzentriertes Konzert der Berliner Singakademie erahnen, die im Schauspielhaus zusammen mit dem Berliner Sinfonie-Orchester die "Jedermann"-Monologe dem Oratorium "In terra pax" zur Seite stellt.Der Calvinist aus Genf vertont 1943 eine eigene Textauswahl aus dem Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal: "Ist alls zu End das Freudenmahl" über "Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod" zu "O ewiger Gott", zuerst in Klavierfassung, später orchestriert.Martin ist damals schon durch die Auseinandersetzung mit Arnold Schönberg geprägt, ohne seiner eigenen universellen Tradition abzusagen.Eine Art von Zwölfton-Archaik läßt Expressivität ein, und chromatisch weinend und seufzend gedenkt der reiche Jedermann seiner Mutter.Olaf Bär interpretiert die Texte so kostbar, wie der Komponist sie empfunden hat.Ermüdungserscheinungen seiner schönen Baritonstimme sollte der Sänger nicht unbeachtet lassen, weil er als Gestalter von Rang noch gebraucht wird.Als Auftragskomposition des Radio de la Suisse romande zum Kriegsschluß schreibt Martin 1944 auf französische Bibeltexte das Oratorium "In terra pax"."Le jour de sa colère", der Tag des Zorns, Jesaja, Psalmen, Offenbarung und Matthäus-Evangelium machen aus den fünf Vokalsolisten Prediger und Betende, bis zu der mit musikalischer Diskretion gesungenen Gewißheit "Saint le Seigneur Dieu".Neben Olaf Bär bringen die Altistin Bogna Bartosz, der Tenor Donald George und der Bassist Michel Brodard Farben in die Aufführung, Camilla Nylund hingegen einen etwas flackerigen Sopran.Äußerst flexibel instrumentiert, durchhörbar, ernst, geistig und klangschön gewinnt die Komposition "In terra pax" aus der Schönberg-Erfahrung ihren Bach wie Debussy integrierenden Eigenton.Man darf gespannt sein auf die Wiederbegegnung mit Martins Oratorium "Le vin herbé", das im Rahmen des Tristan-Projekts vom Berliner Philharmonischen Orchester für das kommende Frühjahr in Aussicht genommen ist.Achim Zimmermann ist als Orchesterdirigent ebenso kundig wie im Umgang mit seinem Chor, und an ihrem Engagement ist zu spüren, daß die beiden Klangkörper einander nahestehen und mögen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben