Kultur : Für den Aberwitz einen Tafelspitz

ANDRÉ HELLER

Am Schluß sind immer alle beleidigt.In Festschriften wird freundlichst oder untertänigst gelogen, das ist ihr Wesen.Oder der gewünschte Beitrag ist plötzlich (laut Sekretärin des Herausgebers) um 13 Sätze zu lang, und natürlich um genau jene, die erzählen, daß der zu Ehrende nach außen hin zwar immer politisch korrekt auftrat, aber insgeheim am schändlichen Zwergenwerfen in Schottland teilnahm oder einmal einer sprachfremden, auskunftheischenden Rentnerin aus Borneo im Billa-Markt bewußt eine Packung Mannerschnitten empfahl, deren Aufbrauchfrist um 947 Tage überschritten war.Es ist schon so: Am Schluß sind immer alle beleidigt.Und das Wesentliche kommt selbstverständlich unter die Räder.

In unserem Fall werden 13 Jahre Direktion Peymann gefeiert.Und ich verweigere nachdrücklich alle Textkürzungswünsche der Sekretärin von Hermann Beil.Wieso unter den Freunden der dramatischen Kunst allerdings überhaupt irgend jemand in Feierlaune ist, bleibt den etwas besser Informierten ein dunkles Rätsel.

Das Theater, zumindest jenes der sogenannten Hochkultur, hat ja in den vergangenen Jahren seine Reputation und seinen Stellenwert im globalen Kulturbetrieb ziemlich eifrig verspielt.Wenige, außer einigen Herrschaften, deren Existenzgrundlage es als Bühnenschaffende oder Kritiker bedeutet, würden diese Entwicklung guten Gewissens bestreiten können.Über 60 Aufführungsstätten mußten in jüngster Zeit allein in Deutschland zusperren, und die verbliebenen leiden an teilweise katastrophaler Zuschauerauslastung.Dies ist aber, wie ich vermute, erst der Beginn der Auflösung.In wenigen Jahrzehnten wird es pro Sprachraum wahrscheinlich lediglich zwei bis drei traditionelle Institute geben, worin die besten Darsteller mit den begabtesten Regisseuren und Ausstattungen exemplarische Aufführungen von Shakespeare bis Beckett und Horváth bis Tschechow erarbeiten.Das gebildete Publikum wird einige Male im Leben zu solchen Ereignissen anreisen und zur hehren Bühnenkunst eine Beziehung entwickeln wie die Japaner zum "Kabuki" oder "No Theater".

Ursachen für diese Entwicklung gibt es viele: Zum Beispiel das beinah völlige Fehlen zeitgenössischer, bedeutender Dramatiker, die ihre Begabung für Komödien und Tragödien nicht lieber dem Film anvertrauen.Dann die völlige Veränderung der Seh- und Hörgewohnheiten sowie der ästhetischen Ansprüche bei allen Konsumenten von Popkultur.Generationen, die mit den Videolabyrinthen von MTV und dem Kinoperfektionismus Spielbergs oder Tarantinos (um zwei Extreme zu nennen) groß geworden sind, lieben einerseits das Kaleidoskopische häufig mehr als das Lineare und besitzen andererseits ehedem nie allgemein gültig gewesene Maßstäbe für optische Welten und darstellerische Höhen.Gert Voss und Kirsten Dene müssen sich für die New Kids und New Grown Ups endgültig nicht mehr an Oskar Werner oder Alma Seidler messen lassen, sondern an Robert De Niro, Merryl Streep und in nicht zu unterschätzender Weise auch an Cartoon-Heroen wie den Simpsons.Karl-Ernst Herrmann tritt nicht mehr gegen Caspar Neher an, sondern gegen die verschachtelten Bildräusche der Virtual Reality Meister.Zu all dem gesellt sich eine galoppierende Ungeduld.Was in einem Stil länger dauert als 90 Minuten, gilt für die meisten praktisch als inakzeptabel.

Dieses Szenario begeistert mich nicht, aber es wurde von den letztlich Hauptbetroffenen unentschuldbar und aufs manischste herbeigearbeitet.

Das Theater braucht wie alles auf Erden, um in schöner Würde überleben und gedeihen zu können, Liebe, Sorgfalt und Leidenschaft.In diesem Zusammenhang nur zwei Kuriosa aus Dutzenden, die mir einfallen, und bewußt solche, die dem Burgtheater zugehörig sind: Eine der wesentlichen Herstellerinnen von derzeit umworbenen Spielvorlagen ist die hochbegabte und hochgeehrte Schriftstellerin Elfriede Jelinek.In einem Interview mit der Zeitschrift "Falter" im Sommer 1998 antwortete sie auf die Frage "Mögen Sie eigentlich Theater?": "Ich habe es immer gehaßt.Es ist eine vollkommen paradoxe Situation, daß ich plötzlich eine Dramatikerin bin." Dann fügt sie hinzu, daß sie wegen dieser Antipathie auch in ihren Stücken keine Rollen mehr schreibe, "weil es eh keinen Sinn hat".Das Branchenblatt "Theater heute" hat Jelinek daraufhin sicherheitshalber zur Dramatikerin des Jahres gewählt.

Eine weitere Auffälligkeit.In der gesamten 13jährigen Ära Peymann fand keine einzige, von einem wesentlichen Bühnenmagier mit den charismatischsten Darstellern verwirklichte, sinnliche Produktion für Kinder statt.Das heißt unmißverständlich, daß man 13 Jahre lang darauf verzichtet hat, ein mögliches, künftiges Publikum für das Theater zu begeistern.

Dabei war Claus Peymann insgesamt ein rarer Glücksfall für das Haus am Ring.Der ideale Vertuscher und Camouflierer der Theaterendzeit und des Katzenjammers, der anderswo bereits zum Normalfall wurde.Er verstand es, dem Burgtheater eine Aufmerksamkeit, gelegentlich eine Umtobtheit und gesellschaftspolitische und tagespolitische Bedeutung zu erkämpfen, die verhinderte, daß der Anachronismus der Heiligkeit dieses wienerischen Monsters der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.Peymanns wohlkalkulierter Charme, sein schlafwandlerisches Provokationstalent, seine Wollust für den Beruf des Theaterleiters, seine Süchtigkeit nach großen Schauspielern und seine in unregelmäßigen Abständen ausbrechende Regiekönnerschaft machen ihn zu einem letzten Mohikaner eines vermeintlich goldenen Zeitalters des Staatstheatertums, das nach Peymanns Abgang zu seiner wahren Bedeutung schrumpfen wird und muß.(Man kann Peymann in dieser Hinsicht mit Bruno Kreisky vergleichen, der die österreichische Wirklichkeit durch seine Persönlichkeit für eine Weile verklärt hat und eine, auch internationale, rot-weiß-rote Wichtigkeit suggerierte, die sofort nach seinem Rückzug aus der Politik wieder als ziemlich kraftloses Grau-in-Grau erkennbar wurde.)

Peymanns Nachfolger werden sicherlich auch gute oder spektakuläre Inszenierungen in den Spielplan heben, auch mit den ersten Kräften ihrer Epoche um unvergeßliche Abende bemüht sein, aber es steht ihnen mit Sicherheit nicht das Gottesgeschenk eines Potentials zur Verfügung, das Leidenschaftsankurbelungen bei Rechtspolitikern und Stammtischbewohnern, Zeitungsherausgebern und hunderttausenden völlig Theaterfremden vermag, die nie im Leben freiwillig Burg oder Akademie besuchen würden, aber Peymann aus tiefstem Herzen den Untergang wünschten oder den 60jährigen Rabauken aus dem Norden sogar veritabel haßten.Wer Claus Peymann näher kennt, weiß, daß er eine Art Wohngemeinschaft ist.In ihm sind ein eleganter Herr gemeldet, ein trotziger und wunderbar verspielter Kindskopf, dann ein Grantscherben mit Tobsuchtsneigungen sowie ein brillanter politischer Analytiker mit völliger Unfähigkeit zum Opportunismus.Daneben ein harmoniesüchtiger Zauderer von Graden, der von jedem und jeder angehimmelt werden möchte, außerdem noch ein ziemlich harscher Kolonialist und an dessen Seite ein behutsamer Entwicklungshelfer.Man könnte ihn auch einen ungerechten Gerechtigkeitsfanatiker und vieles mehr nennen.Peymann wurde von seiner zentralen Lebensliebe Thomas Bernhard mit oszillierendem Aberwitz infiziert, daran wird er bis zum sicherlich späten Tod laborieren.

Es scheint, als fände jeden Morgen, kurz vor dem Aufwachen, eine Ziehung statt, welche der Peymann-Möglichkeiten heute Ausgang erhält.Deshalb gibt es bei denen, die ihm begegnen, so unterschiedliche Meinungen über den Charakter dieses interessanten Mannes.Ich jedenfalls mag ihn sehr.Er ist Viele, aber glücklicherweise fast nie jemand Banaler.Wir haben ihm und seinen Förderern eine turbulente, wache Ära zu verdanken, und er war so rührend verliebt in dieses sadistische Wien und nicht weniger rührend so stolz darauf, hierorts als Ikone zu gelten.Er ist ja auch tatsächlich der mit Abstand berühmteste Burgtheaterdirektor der 2.Republik, und wenn es die Aufgabe des Burgtheaterdirektors sein sollte, seinem Institut hohe Aufmerksamkeit und spannende Umstrittenheit zu organisieren, so war er auch der Beste.

In Berlin wird er sich, fürchte ich, kultiviert langweilen und ein relativ trostloses Dasein in der Normalität leben.Manchmal werden Turrini oder Rudolf Scholten oder meine Wenigkeit ihm ein Menagereindl (das ist im Deutschen ein Henkelmann) mit Tafelspitz, Erdäpfeln, Spinat, Schnittlauchsoße und Apfelkren aus dem "Schwarzen Kameel" vorbeibringen.Das genießen wir dann langsam kauend im Besprechungszimmer von Bert Brecht im BE wie Konterrevolutionäre.An solchen Tagen wird vielleicht manches für kurze Zeit ein wenig leichter für ihn sein, den Herrn Direktor.

Der Text von André Heller, dem Wiener Chansonnier, Autor und Impresario, erscheint Mitte April in dem zweibändigen Opus "Weltkomödie Österreich.13 Jahre Burgtheater 1986 - 1999".Bestellungen an: Burgtheater Wien, Tel: 0043-1-51444-2138, Dr.Karl-Lueger-Ring 2, A-1014 Wien.Subskriptionspreis, bis auf weiteres: 400 Schilling (ca.60 Mark)

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