Kultur : Für die Freiheit des Blicks - Abwarten und Tee trinken

Christiane Peitz

Abbas Kiarostami filmt gerne im Auto. Das Auto, sagt der iranische Regisseur, sei der beste Platz zum Nachdenken - und zum Betrachten der Welt. Weil die Straßen in den Bergen Irans nicht asphaltiert sind, bleibt auch genug Zeit dafür. Die Landschaft zieht im Schritttempo vorbei, das Leben rollt dahin wie eine endlose Kamerafahrt. Kiarostamis Filme sind Roadmovies als sentimental journey, Irrfahrten im Stil des Neorealismus.

Deshalb beginnen sie fast alle im Auto: Kiarostamis Trilogie aus dem iranischen Erdbebengebiet ("Wo ist das Haus meines Freundes?", "Und das Leben geht weiter", "Quer durch den Olivenhain"), mit der er im Westen bekannt wurde, danach "Der Geschmack der Kirsche" und jetzt "Der Wind wird uns tragen". Auch diesmal ist da zuerst eine Berglandschaft fernab von Teheran. Erde, Lehm und Staub, darin Olivenbäume und armselige Dörfer. Im Wagen sitzen drei Männer aus der Stadt. Sie streiten darüber, wie sie zum Ziel kommen. Sie haben eine Wegbeschreibung und versuchen, die Landschaft zu entziffern. Nur sieht die Wirklichkeit nicht so aus wie auf dem Papier. Man hört das Palaver der Männer und sieht, statt ihrer, die Gegend, die sie durchqueren. Eine ziemlich komische Ouvertüre.

"Man muss sich nicht mit der Kamera nähern, wenn man einem Menschen nahe kommen will", sagt Abbas Kiarostami. Statt des Close-Ups zeigt er lieber die Halbtotale: Menschen in ihrer Umgebung. Das Dorf, das der Journalist Behzad schließlich doch findet, ist ein Labyrinth aus Balkons, Treppen und Dächern. Kein Überblick, nirgends. Es gibt viele Wege zum Ziel, erklärt Farzad, der Junge, der die Fremden ins Dorf führt: steile und bequeme, Umwege, Abkürzungen.

Jeden Gang, jede Begegnung zeichnet die Kamera aufmerksam nach. Die Bäuerin mit dem riesigen Grasbündel auf dem Buckel. Die Waschfrauen mit den knöchellangen, schwarzen Gewändern. Die Mutter mit dem Neugeborenen zwischen den Wäscheleinen. Die Schulkinder, die Brotbäckerin, der krumme Rücken einer Greisin, kläffende Hunde und Ziegen am Tor.

Alltag auf dem Lande, weiter nichts? Bei aller dokumentarischen Bescheidenheit entwirft auch der neue Film des iranischen Regiemeisters eine Topographie der comédie humaine. Der Schauspieler Behzad Dourani und die Laiendarsteller aus dem Dorf Siah Dareh bevölkern einen Mikrokosmos, der die Welt umfasst - und noch ein bisschen mehr. Alles nur eine Frage der Geduld.

Allein der Dorfplatz von Siah Dareh. Dort geraten Islam und Moderne in Clinch miteinander. Frau Tajdolat, die den Tee serviert und die Parkplatzfrage regelt, beharrt nämlich darauf, dass die Teezubereitung nicht weniger Arbeit bedeutet als die Ernte auf dem Feld. Mein Tee entspannt dich, sagt sie zu ihrem Mann, aber wer sorgt für meine Entspannung? Frauen, meint sie, haben drei Berufe. Tagsüber schuften sie, abends servieren sie, und nachts arbeiten sie auch. Im Schatten der Lehmhäuser entspinnt sich ein irrwitziger Dialog, ob der Mann oder die Frau die härtere Nachtarbeit leisten muss. Später sitzt die Teefrau an der Hauswand, schweigend und stolz.

Behzad hat es schwerer mit der Kommunikation. Wenn sein Handy klingelt, muss er den Berg hochfahren, eine scharfe Rechtskurve nehmen, an Bäumen vorbei bis nach oben zum Friedhof auf der Kuppe des Hügels. Wieder und wieder springt er ins Auto, damit die Verbindung mit Teheran halbwegs funktioniert. Dann steht er zwischen den verwitterten Grabplatten, brüllt ins Telefon und kann sich doch kaum verständigen. Yossef, der auf dem Friedhof in einem Erdloch arbeitet (für die Telekommunikation, wie er sagt), wirft einen menschlichen Knochen in die Luft, den Behzad auf sein Armaturenbrett legt. "Odyssee 2001" - die iranische Version. Und dazu der schönste running gag seit Erfindung des Mobiltelefons.

Kiarostamis Filme sind voller Rätsel. Er buchstabiert das Alphabet des Filmemachens neu, plädiert für ein Kino der Leerstellen, für das unfertige Bild - aus Respekt für die Fantasie des Betrachters. So entstehen weise, stille, aber niemals pathetische Bilder einer heiteren Wissenschaft. Kiarostamis Helden suchen etwas und finden etwas anderes. Und im Staunen gewinnt der Zuschauer eine Freiheit des Blicks zurück, die im Kino selten geworden ist.

Zum Beispiel bleibt offen, worauf genau Behzad tagelang wartet. Gewiss hat es mit der uralten Frau Malek zu tun, die im Sterben liegt. Und mit einem archaischen Beerdigungsritual, bei dem die Frauen sich die Wangen blutig kratzen. Behzad, so ahnt man, wartet auf den Tod. Aus journalistischen Gründen.

Die alte Frau Malek sehen wir nie. Nur die Verwandten, die ihr Suppe bringen und die Nachbarn, die einander mitteilen, ob die Kranke ihre Suppe gegessen hat. Behzad stellt Farzad Fragen über die Alte und ihre Familie, über die Namen für die Dinge und die Menschen im Dorf. Die Antworten des Schuljungen sind klüger als die Fragen des Journalisten. Irgendwann fragt er nicht mehr und holt den Arzt für Frau Malek. Für das Mädchen, das im Keller die Kuh melkt, rezitiert er das persische Gedicht "Der Wind wird uns tragen", in dem die Schatten wispern und die Nacht ein heimliches Rendezvous möglich macht.

Der bald 60-jährige Abbas Kiarostami hatte als junger Mann Malerei studiert. Als Maler störte ihn, dass er den Wind nicht auf der Leinwand festhalten konnte. Nun hat er ihn gefilmt, den Wind, den Tod, die Spur, die das Leben zeichnet und den Augenblick der Verständigung. Mit einem Gedicht in einem finsteren Keller, in dem man die Hand vor Augen nicht sieht.Eiszeit, Steinplatz, Hackesche Höfe

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