Kultur : Für ein paar Dollar mehr

Er lebt auf Hawai und ist ein Vermarktungsgenie: Der Gitarrist George Benson glaubt an die Kraft des Jazz. Dabei spielt er längst auch Softversionen. Nun stellt er in Berlin sein neues Album vor

Christian Broecking

Jede neue CD von George Benson ist eine Gratwanderung zwischen Gedudel und grandiosen Cover-Versionen. Mit Ray Charles’ Klassiker „Come Back Baby“ ging Benson auf seiner jüngsten CD „Absolute Benson“ so respektvoll um, als wollte er die Grundlagen des Black Music Genres neu definieren. Business und Professionalität sind die zwei großen Themen des Gitarristen. Der Multimillionär mit Wohnsitz in New Jersey und auf Hawai sieht sich selbst als Profi schlechthin – dazu gehört leider auch, dass seine langjährige Tourband zwar auf die großen Hits wie „This Masquerade“ und „Give Me The Night“ abonniert ist, die jüngeren Benson-CDs jedoch bestenfalls als Füllmaterial kurz zitiert.

Benson, der Eintrittspreise von bis zu 100 Dollar verlangt, hat eine große Anhängerschaft unter afroamerikanischen Anwälten und Steuerberatern um die 45, die völlig aus dem Häuschen geraten, wenn sie seine alten Hits hören. Standing Ovations für relativ belanglos scheinende Fahrstuhlmusik begleiten das Phänomen Benson schon seit fast drei Jahrzehnten.

George Benson, gerade 60 Jahre alt geworden, hatte in den Sechzigern als Jazzgitarrist begonnen. Doch die Zeit, da er die Nachfolge des Gitarristen Wes Montgomery antrat, liegt lange hinter ihm. „Auch musikalisch gesehen ist es nicht zu empfehlen, sich an den Jazz zu klammern und einen der alten Standards zum fünftausendsten Mal aufzunehmen“, sagt Benson. „Als Künstler empfinde ich die Notwendigkeit, auf die Gegenwart zu reagieren und ihr einen Sound zu geben. So wie Charlie Parker es einst tat. Ich bin Musiker geworden, weil ich es liebe zu swingen. Der Jazz ist die Musik, die mich mein Leben lang fasziniert hat, es ist die Musik, die ich zuhause höre und spiele. Nur leider wird diese Sprache heute nur noch von wenigen gesprochen. Als ich in den Sechzigerjahren Jazz gespielt habe, war ich ein besserer Musiker als heute, weil man mein Talent gefordert hat. Aber eines kann mir keiner nehmen: Ich war bereits ein Jazzmusiker, als das noch eine richtig hippe Musik war.“

Gute Komponisten, dämliche Stücke

Vor fast 30 Jahren erreichte Benson mit seinem Album „Breezin“ Superstar-Status. Seitdem gewann er mehrere Grammies und verdiente Millionen mit soften Sounds und popformatiertem Soul. Er prägte damit das in Amerika erfolgreiche Smooth Jazz Format mit instrumentalen Coverversionen von R&B-und Soulschnulzen. Doch Smooth Jazz sei tote Musik, sagt Benson. „Smooth Jazz legt die Wunde offen: Es werden keine großartigen Lieder mehr geschrieben. Gute Komponisten machen mit dümmlichen Stücken viel Geld, weil die Industrie es so will. Stücke wie „Sophisticated Lady“ werden schon lang nicht mehr geschrieben. Aus dieser Material-Armut ist der Smooth Jazz gestrickt.“

Gerade ist eine neue „Greatest-Hits“-Kollektion erschienen, eine Kurzversion der superben 2-CD-Packung „Anthology“. Eine weitere Benson-CD ist bei Verve (Universal Music) in Vorbereitung. Und die CD „Absolute Benson“, mit der er jetzt auf „Absolutely Live“-Tour ist und am 21. Juli auch in Berlin auftritt, erschien beim GRP-Label. GRP war ursprünglich als Antwort auf die so genannten Hot- und AC-Formate der kommerziellen Radiostationen gedacht, die den konventionellen Jazzfirmen zu schaffen machen. Doch für Jazzpuristen war der seichte Sound ohnehin kein Jazz. Und auch Benson räumt ein, dass Contemporary und Smooth Jazz vor allem produziert werden, um einen schnellen Dollar zu machen. Dennoch wehrt er sich gegen den Vorwurf des Ausverkaufs. „Ich bin Musiker, und wenn ich eine Platte mache, die auch für ein Jazzpublikum attraktiv ist, freut mich das. Ansonsten geht es darum, Platten zu machen, die sich gut verkaufen. Dazu gehören Jazzplatten leider nicht.“

Die selbstgebaute E-Gitarre

Im Zentrum von „Absolute Benson“ steht eine Version des Donny Hathaway-SoulKlassikers „The Ghetto“, die sich weitgehend am Original von 1970 orientiert. Bei Hathaway war das Ghetto noch exklusiv afroamerikanisch, bei Benson geht der Song in die Eigenkomposition „El Barrio“ über, das spanische Synonym für Ghetto und für den New Yorker Stadtteil Spanish Harlem. Bei Hathaway lag die Betonung auf „This (Is The Ghetto)“ – afroamerikanische Lebenswelt vorgeführt nach dem Motto: Weiße, schaut her, was ihr nicht habt.

Wie Hathaway wuchs auch Benson im Ghetto auf, auch seine Version demonstriert soziale Kompetenz. „Bei uns zuhause wussten wir nicht immer, woher die nächste Mahlzeit kommt“, berichtet Benson. „Meine Kinder sind wohlhabend, sie kündigen ihre Jobs, weil ihnen das Benehmen des Chefs nicht gefällt. Sie haben keine Ahnung und scheren sich auch nicht drum. Wenn sie ein Instrument wollen, dann kaufen sie es sich. Mein Vater konnte damals nicht die 50 Dollar aufbringen, die eine elektrische Gitarre gekostet hätte. Also baute er mir eine für 23 Dollar. Ich meine das nicht vorwurfsvoll, nur gibt es eben Erfahrungen, die man nicht einfach kopieren kann wie ein Clifford-Brown-Solo.“

Benson und Hathaway schafften den Weg aus dem Ghetto zum Superstar, und sie wurden eben deshalb zu Helden. Hathaways Gesangsstil hat Benson stark beeinflusst. „Das ist unverkennbar. Doch er war selbst der Meinung, dass Stevie Wonder von ihm kopierte. Ich habe ihn damals ausgelacht. Wer weiß. Ich habe jedenfalls von beiden geklaut.“

George Benson tritt am 21. Juli im Berliner Tempodrom auf. Seine CD „Absolute Benson“ ist bei GRP erschienen, die neue „GreatestHits“-Kollektion bei Rhino (Warner) .

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