Kultur : Für eine Hand voll Schnee

Zur ERÖFFNUNGSGALA mit dem Film „Snow Cake“ kam die Creme des deutschen Films zum Marlene-Dietrich-Platz

Andreas Conrad

Der Abstand wird geringer, es ist nicht zu übersehen. Hollywood, wir kommen, sind schon dicht auf deinen Fersen! Werden dich überholen, ohne dich einzuholen, das hat hier doch Tradition. Die Berlinale-Eröffnung erstmals live im Fernsehen! Und die Preise am Ende nicht mehr in einer Pressekonferenz nüchtern bilanziert, sondern erst bei der Verleihung aus der Wundertüte gezaubert – Spannung bis zuletzt! Aber das Beste: Diese Showtreppen, gleich zwei davon, die in sanftem Bogen aus der Höhe auf die Bühne führen. Ja, das ist nicht nur Hollywood, das ist schon ein wenig Las Vegas, und Festivalchef Dieter Kosslick mag selbstkritisch ulken, die seien noch von der Verleihung der Goldenen Kamera stehen geblieben – Treppe bleibt Treppe.

Schließlich diese beiden Glamour-Girls, die mit Heino Ferch, dem Moderator des Abends, die Stufen herabschweben. Ja, es wird dem Auge schon was geboten an diesem Donnerstagabend im Berlinale-Palast. Und fürs Ohr ebenso, Max Raabe und sein Palast-Orchester, ein hiesiger Sangeskünstler, unlängst international geadelt durch den Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall – diese Mischung aus glamouröser Bodenständigkeit und internationalem Glitzer ist hier hochpopulär.

Rechtzeitig hatte es mal wieder zu schneien begonnen, und Dieter Kosslick konnte den ultimativen – und angesichts des Eröffnungsfilms „Snow Cake“ naheliegenden – Kalauer anbringen: „It’s no business like snow business“. Doch, das Pingpong-Spiel der wohldosierten Gags zwischen Kosslick undFerch lief glatt und routiniert wie in den Vorjahren mit Anke Engelke, die das Zeremoniell nur ab und zu mit Berlinischer Kodderschnauze durchbrach, während Ferch eher weltmännisch agierte, das ist so sein Stil.

Aber auch ohne Fernsehen und Treppen hatte die Gala manches Neue zu bieten, einen neuen Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten, Neumann mit Namen – klar, dass der oberste Festivalmann auch diese Möglichkeit zum Wortspiel nicht verstreichen ließ. In der Vergangenheit glitt die Plauderei des Moderators mit der hohen Politik oft ab, wurde zum Proklamieren hehrer Ziele, Ferch aber fragte das, was man doch eigentlich wissen will an solch einem Abend. Die beliebtesten ministeriellen Filmgöttinnen? Liz Taylor und Sophia Loren. Und die Lieblingsfilmmusik von Klaus Wowereit? Das Zitterspiel aus dem „Dritten Mann“.

Rot, orange, violett, blau – so leuchteten die Lichtsäulen der Dekoration im Wechsel, ein Spiel mit den Farben der Plakate, deren frühlingshafte Anmutung auch die Tulpendekoration im Foyer widerspiegelte. Ab halb sieben waren die Gäste über den roten Teppich geströmt, vorneweg Günter Lamprecht, bald danach Alice Schwarzer, der das Spiel mit den Fotografen sichtlich Spaß machte, weiter Dominique Horwitz, Oskar Roehler, Christiane Paul, sehr luftig gekleidet, den Rücken nur mit dünnen Schnüren bedeckt, Rosa von Praunheim diesmal mit Dreispitz und goldenem Paillettenjacket, Robert Stadlober, Armin Rohde, Bettina Zimmermann mit Oliver Berben, von der Politik schließlich Peer Steinbrück, Claudia Roth, Norbert Lammert, Walter Momper und Klaus Böger.

Zum Schluss dann die Stars des Abends, Alan Rickman, Sigourney Weaver und Emily Hampshire mit „Snow Cake“-Regisseur Marc Evans. Aber die Königin des Abends war zweifellos Charlotte Rampling, Präsidentin der Jury, die den größten Beifall, Jubel gar auf sich zog. Und ihr Kollege Armin Mueller-Stahl sprach das an, was sich gewiss alle im Saal vom Festival erhoffen in diesen stürmischen Zeiten – Filme nämlich, die einen Brückenschlag schaffen, auf dass die Menschen verschiedener Kulturen einander verstehen.

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