Kultur : Für eine Handvoll Dreck

Von Bildern und amerikanischen Mythen: Clint Eastwoods Kriegsepos „Flags of our Fathers“

Sebastian Handke

„Wer möchte berühmt werden“, fragt der Fotograf und meint es gar nicht ernst. Soldaten stehen auf einem Berg, einer raucht eine Zigarette, ein anderer verlegt ein Telefonkabel, in aller Ruhe, es wird ja gerade nicht geschossen. Sie finden ein altes Rohr, befestigen eine Flagge daran, stellen das Rohr mit Flagge auf – keine große Sache, es ist schließlich schon das zweite Mal an diesem Tag, dass hier eine Fahne gehisst wird.

Einige Wochen später sind sie berühmt, da sind allerdings drei von ihnen schon tot. Der Fotograf hatte nicht mal in den Sucher geschaut, drückte einfach ab und verwandelte den belanglosen Moment in eine der berühmtesten Fotografien aller Zeiten: eine fast klassische Bildkomposition von derart ikonischer Wucht, dass sie sich sofort ins Gedächtnis einbrannte und die kriegsmüden US-Amerikaner, aufgerieben von der bedingungslosen Todeshingabe der Kamikaze-Japaner, neu mobil machte.

Auch Sanitäter John Bradley war dabei, als am 23. Februar 1945 auf der Vulkaninsel Iwo Jima die Flagge gehisst wurde. Doch das Bild in seinem Kopf ist ein anderes. „Flags of our Fathers“ beginnt mit diesem Bild: Es ist Bradley selbst, in einer Mondlandschaft von Kratern, Steinhügeln, Rauch und Asche. Verzweiflung ist in seinen Augen und Ratlosigkeit, er dreht sich, weiß nicht wohin, dreht sich wieder, ohne Orientierung, aus allen Himmelsrichtungen dringen die Rufe nach seiner Hilfe. Bis zu seinem Tod fünfzig Jahre später wird Bradley heimgesucht von der Erinnerung an diesen Tag, als er seinen jungen Kameraden Iggy (Jamie Bell) aus den Augen verlor. Dass er wenig später zum Helden gemacht wurde für ein Zufallsbild von der wohl ungefährlichsten Tat der gesamten Schlacht, damit kam er nie zurecht. „Die Dinge, die wir getan und gesehen haben, sind unfassbar“, sagt jemand zu Beginn des Films. „Deshalb muss man ihnen einen Sinn geben, eine leicht zu verstehende Wahrheit. Und verdammt wenig Worte.“

Clint Eastwoods Film ist ein epischer Versuch über das Heldentum, der die beiden Bildwelten gegeneinander stellt: das einfache Bild, dem man einen Sinn geben kann, und das andere Bild, das die Soldaten mit sich nach Hause bringen und doch niemandem mitteilen können.

Auch John Bradley hat nie darüber gesprochen. Erst nach seinem Tod trug sein Sohn James Bradley die Geschichte des Vaters zusammen und machte daraus einen Bestseller. Steven Spielberg kaufte die Rechte und produzierte nun auch den Film – sein stilbildendes Kriegsinferno aus „Der Soldat James Ryan“ dürfte sich Eastwood zum Vorbild genommen haben: Eastwood entwirft eine Topografie der Hölle, in der das Sterben und Überleben zwischen schwarzem Fels und herumliegenden, zischenden Körperteilen nur vom Zufall bestimmt ist.

Die Schlacht um Iwo Jima wird 21 000 Japaner und 7000 Amerikaner das Leben kosten. John Bradley (Ryan Phillipe), Rene Gagnon (Jesse Bradford) und Ira Hayes (Adam Beach), jene drei von sechs, die auf dem Foto zu sehen sind, werden von der Front abgezogen, um in der Heimat für Kriegsanleihen zu werben: In ausverkauften Stadien stellen sie das Foto nach und klettern auf eine Pappmaché-Nachbildung des Vulkans Suribachi. Die nun berühmten Männer kommen mit ihrer Rolle nur schwer zurecht und werden nach dem Krieg fallen gelassen – vor allem der Indianer Ira Hayes geht an seinem Ekel zugrunde.

„Flags of our Fathers“ ist für den Kriegsfilm, was „Erbarmungslos“ für den Western war: Eastwood schürft die Krusten ab, die sich bei der Mythenbildung ablagerten, bis etwas anderes übrig bleibt, das freilich nicht mehr so beruhigend wirkt wie der etablierte Mythos. Eastwood, der Konservative unter Hollywoods Humanisten, hat allerdings nicht vor, das Heldenkonzept an sich zu begraben. Im Gegenteil, er hält unbedingt daran fest: „Flags“ ist nicht die Demaskierung einer PR-Lüge. Denn, und darauf legt Eastwood Wert, diese Männer waren Helden. Eastwood stellt vielmehr die symbolische Geschichtsschreibung in Frage, mit der wir Sinn gewinnen aus der Geschichte, indem wir das Unverständliche eindampfen auf aussagekräftige Symbole. Nicht so sehr, weil es eine Lüge wäre, sondern weil es den Soldaten nicht gerecht wird. Ein monumentales Vorhaben. Dass Eastwood diesen Film zu einer Zeit in die Kinos bringt, da sich die USA im Irak heillos in einem Krieg verlieren, in dem sie die Hoheit über die Bildproduktion längst verkämpft haben, ist ein Wagnis, das höchsten Respekt verdient.

Doch Eastwood scheitert: Er will das einfache Bild ersetzen durch eine komplexe Vorstellung, für die er in seinem Film allerdings keinen Ausdruck findet. Eastwood und seine Autoren William Broyles Jr. („Jarhead“) und Paul Haggis („L.A. Crash“) lösen zu diesem Zweck die Handlung auf in ein unförmiges Gewirr dreier Zeitebenen, zwischen denen unrhythmisch hin und her gesprungen wird – als läge die Wahrheit allein im harschen Kontrast zwischen den Bildern vom Schlachtfeld und den Bildern abseits davon. Das Ergebnis ist ein seltsam unwuchtiges Filmgetüm, das statt eines vielschichtigen Bildes eher einen verschwommenen Eindruck hinterlässt.

Die Autoren selbst scheinen der Strategie der Bildkonfrontation nicht zu trauen, deshalb stellen sie viele Worte dazu: Immer wieder wird noch mal aufgesagt, was sich doch von selbst versteht. Am schwersten aber wiegt der katastrophal misslungene Schluss, der jene für den späten Eastwood typische moralische Unbestimmtheit mit einem Schlag wieder auslöscht: eine rührselige Familienzusammenführung an Bradleys Sterbebett, begleitet von Macho-Voice-Overs, die dann doch wieder ein Stereotyp ins Recht setzen: Zum Helden wird man nicht für sein Land, sondern für die Kameraden. „Sie haben für ihr Land gekämpft. Gestorben aber sind sie für den Mann neben sich.“ Auch das haben die Männer von Iwo Jima nicht verdient.

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