Kultur : Für eine Nacht voller Seligkeit

Unterwegs zum Rock’n’Roll-Glück: „Keine Lieder über Liebe“, ein Musikfilm als Familiendrama

Christian Schröder

Der Rock’n’Roll-Alltag ist nicht wirklich sexy. „Nichts auf der Welt ist schlimmer als ein leeres Hotelzimmer“, sang einst Nena, und die war immerhin ein Star. Die Mitglieder der Hansen Band sind keine Stars, sie arbeiten noch daran, welche zu werden. Auf dem Weg zum Ruhm können sie sich nicht immer ein Hotelzimmer leisten, manchmal müssen sie auch in den jugendherbergsartigen Stockbetten von Unterkünften übernachten, die direkt neben den Sälen liegen, in denen sie am Abend vorher aufgetreten sind.

Die Hansen Band nimmt vieles in Kauf für ihren Traum: endlose Stunden im Tourbus, Konzerte in kleinen, nur halb vollen Clubs, Gagen, die mitunter nur für ein Paar Pizzen vom Lieferservice reichen. Aber genau darum geht es ja im Rock’n’Roll: ums Unterwegssein, um Ziele, die größer sind als das, was man erreichen kann. Was zählt, ist ohnehin nur der Augenblick, in dem die Scheinwerfer angehen, das Schlagzeug und die Gitarren losrocken, der Sänger seinen Kopf in den Nacken legt und zu singen beginnt: „Keine Lieder über Liebe und erst recht nicht dieses hier.“

Die Clubs, die in dem Film „Keine Lieder über Liebe“ vorkommen, gibt es tatsächlich, das „Amadeus“ in Oldenburg, den „Tower“ in Bremen oder das „Molotow“ in Hamburg. Die Stockbetten stehen im Wilhelmshavener „Kling Klang“, Hunderte von Independentbands haben darin schon kurze, aber glückliche Rock’n’Roll-

Nächte verbracht. In „Keine Lieder über Liebe“ wirkt alles sehr real, das gehört zum Dogma-Konzept dieser Semi-Dokumentation. Hier geht es um keine Magical Mystery Tour wie einst bei den Beatles, hier wird durch die wirkliche Welt getingelt. Wenn die Musiker im Bus dem nächsten Auftritt entgegenfahren, dann schwenkt die Handkamera immer wieder von ihren Köpfen auf herbstlich kahle Provinzlandschaften, die an den regennassen Fenstern vorbeifliegen: Da muss durch, wer in den Pop-Olymp möchte.

Fiktiv ist an dem Film nur eins: die Band, die von Regisseur Lars Kraume zusammengestellt wurde. Zu ihr gehören die Gitarristen Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch sowie Schlagzeuger Max Schröder, als Mitglieder von Tomte und Kettcar eine Art Best-of-Formation der zweiten Generation jener unter dem Begriff „Hamburger Schule“ firmierenden Gruppen, die halb ironische Texte mit krachendem Postrock kombinieren. Profis also, bloß Sänger Markus Hansen wird von einem musikalischen Neuling gespielt: Jürgen Vogel.

Der Schauspieler ging bei den Proben so enthusiastisch zur Sache, dass seine Mitstreiter ihn anherrschten: „Wenn du noch mal so rumspringst, treten wir dir von hinten in die Knie.“ In den Konzertsequenzen steht Vogel tatsächlich meist konzentriert hinter dem Standmikrofon, er macht seine Sache nicht schlecht und lässt seine Stimme rau und rebellisch klingen. Trotzdem nimmt man es ihm nicht ab, ein Sänger zu sein: Vielleicht, weil die anderen Musiker deutlich besser sind, vielleicht auch nur, weil da eben Jürgen Vogel singt, den man schon zu oft in anderen Rollen gesehen hat.

Aber „Keine Lieder über Liebe“ ist vor allem ein Familiendrama. Der Filmstudent Tobias Hansen – gespielt von Florian Lukas – begleitet die Tournee seines älteren Bruders Markus mit der Kamera, seine Freundin Ellen – Heike Makatsch – stößt später zu der Gruppe. Tobias geht es bei seinem Film um die „Wahrheit“, in zweifacher Hinsicht. Er will den echten Rock’n’Roll zeigen und er will herauskriegen, ob Ellen ihn mit seinem Bruder betrogen hat. „Keine Lieder über Liebe“ entstand ohne Drehbuch, die Darsteller sind drei Wochen lang miteinander unterwegs gewesen und haben ihre Rollen improvisiert. So wird von Anfang an viel geredet in diesem Film, die Protagonisten streiten miteinander, versöhnen sich und streiten dann wieder. Die Künstlichkeit, die dem Experiment dabei anfangs anhaftet, verliert sich schnell, bald glaubt man, reale Figuren vor sich zu haben.

Es gibt einen wunderbaren Auftritt von Monika Hansen als vom Alkoholismus gezeichneter Mutter der Hansen-Brüder, und Dialoge, in denen sich Liebe, Eifersucht und Melancholie fast aphoristisch miteinander verknäulen. Da fragt Tobias Ellen: „Glaubst du, dass wir uns irgendwann trennen?“ Ellen entgegnet: „Ich gehe davon aus.“ „Und“, insistiert er, „warum bist du dann mit mir zusammen?“ Ihre Antwort: „Weil ich hoffe, dass es nicht so kommt.“ Natürlich kommt es dann doch so. Die traurigen Lieder über die Liebe sind meistens die schöneren.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, International, Kulturbrauerei, Neues Off

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