• Für Erwachsene gedacht, aber den Kindern vorgelesen - ein Klassiker im Wandel der Zeiten

Kultur : Für Erwachsene gedacht, aber den Kindern vorgelesen - ein Klassiker im Wandel der Zeiten

Anne Strodtmann

Das erfolgreichste deutschsprachige Buch aller Zeiten - es ist nicht Goethes Faust; es sind die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Die meisten Deutschen haben einzelne Märchen gelesen. Wer jedoch die alten Volksmärchen einst erfunden hat, wo oder wann sie entstanden sind - Fragen dieser Art können die Wissenschaftler bis heute nicht schlüssig beantworten.

Heinz Rölleke, Literaturwissenschaftler und einer der führenden Märchenforscher in Deutschland, sagte während eines Symposiums anlässlich der 10. Berliner Märchentage, dass die Wissenschaftler noch nicht einmal darüber Einigkeit erzielt haben, ob ein Märchen auf einen einzigen Erzähler zurückgeht oder ob es aus mehreren Quellen stammt. Strittig ist auch der Zeitpunkt der Entstehung. Die Vorstellungen reichen von "Adam und Eva" bis ins 18. Jahrhundert. Uneins sind die Forscher auch bei der Frage, wieviel von den "Originalen" erhalten geblieben ist, nachdem die Brüder Grimm die Märchen in Druck gegeben hatten. Ein Teil der Forscher ist der Meinung, dass die Märchen wortgetreu und ohne Veränderung weitergegeben wurden. Skeptiker bezweifeln, dass überhaupt noch etwas original ist. Dann wären die Volksmärchen der Brüder Grimm in Wahrheit Kunstmärchen, die lediglich Bestandteile der Volksmärchen aufgreifen.

Bereits in den Auflagen, die zu Lebzeiten der Grimms erschienen sind, können beträchtliche Unterschiede festgestellt werden. Beispielsweise wissen wir, dass bei "Hänsel und Gretel" die armen Eltern ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren konnten, weil "eine große Teuerung" ins Land gekommen war. Dieser volkswirtschaftliche Aspekt taucht aber erst in der fünften Auflage von 1843 auf.

Natürlich hätten die Brüder Grimm in der Nacherzählung manches verändert, verschiedentlich auch aus unterschiedlichen Fassungen desselben Märchens eine Erzählung geformt. Im Nachlass der Grimms sei eine Reihe unredigierter Märchentexte gefunden worden, die niemals gedruckt wurden. An diesen schlecht erzählten Geschichten, sagte Rölleke, werde die Leistung der Brüder Grimm besonders deutlich.

Märchen, sagte der frühere Direktor des Instituts für Volkskunde und des Deutschen Volksliedarchivs, Lutz Röhrich, haben viel Archaisches bewahrt. Wir stoßen auf Grundsätze des Mutterrechts, auf uralte Tabus, auf Initiationsriten und Schamanismus. Aber über die Epoche, in der die Märchen spielen, wird nur in Formeln gesprochen: "Zu Zeiten, da das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal. . . " oder "Zu der Zeit, als unser Herrgott noch auf Erden wandelte . . . " oder ganz schlicht "Es war einmal . . . " Die vielen Königinnen und Könige, Prinzen und Prinzessinnen, die in den Märchen eine Rolle spielen, ließen auf das Zeitalter der Monarchien schließen. Es werden Handwerksberufe erwähnt, aber die "modernste Maschine" ist das Spinnrad von Rumpelstilzchen. Findet also alles in vorindustrieller Zeit statt? Das Märchen von "Hans im Glück" wiederum verweist auf die Epoche des Tauschhandels. Die Strafen, die über die Übeltäter verhängt werden, tragen teilweise mittelalterliche Züge. Das Märchen scheint also ein sehr frühes Weltbild zu verkörpern. Die Brüder Grimm vermuteten ein germanisches, vorchristliches Erbe in ihnen.

Rüdiger Steinlein, Professor für neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität, ging der Frage nach, wie aus den Volksmärchen Kinderliteratur wurde. Denn als zwischen 1812 und 1815 die erste Auflage der "Kinder- und Hausmärchen" erschien, war der Titel eher ein Programm. Die Texte, so Steinlein, sollten als "Erziehungs- und erbauliches Lesebuch im Familienkreise dienen". Die Märchen seien Anfang des 19. Jahrhunderts keineswegs Kinderlektüre oder gar Inbegriff von Kinderliteratur gewesen. Zwar habe bereits Johann Karl August Musäus Jahrzehnte vor den Brüdern Grimm darauf hingewiesen, wie fesselnd Märchen für Kinder sein könnten. Gleichzeitig habe er betont, dass Volksmärchen keine Kinderliteratur seien, weil ein Volk nicht aus Kindern, sondern aus großen Leuten bestehe.

Wesentlich für die zunehmende "Kindertauglichkeit" war die Erkenntnis, wie Steinlein sagte, dass Märchen sich im Deutschunterricht vor allem der unteren Klassen für eine elementare literarisch-ästhetische Erziehung als auch die Bildung von Nationalbewußtsein eigneten. Besonders aufschlussreich für diese Absichten sind die Ausführungen von Bogumil Goltz, der in seinen Vorlesungen von 1870 über "Das deutsche Volksmärchen und sein Humor" ausgeführt hatte: "Im deutschen Märchen allein sind die Menschen so organisirt, alle natürlichen Dinge, alle menschlichen Verhältnisse so überdacht, so überdichtet, gewürdigt und geordnet, wie dies eine deutsches Herz träumt und ein deutscher Verstand realisirt. Im deutschen Märchen allein findet der deutsche Mensch seine Kindheit, seine Jugendliebe, seine Sehnsucht und poetische WeltAnschauung, seine Alters-Weisheit und Jugend-Thorheiten, seine Paradies-Träume, Grillen und Phantasmagorieen."

Um 1900 waren dann Grimms Märchen als Kinderliteratur etabliert. Dabei kam den Volksmärchen die Funktion eines Abwehrmittels gegen Schmutz-und-Schund-Literatur und gegen die "sozialdemokratisch entkindlichte Jugendlektüre" zu. Im Wandel der Zeiten gab es noch mehrere andersgeartete "Inanspruchnahmen": Die 68er beurteilten die Märchen ganz im Geiste der antiautoritären Erziehung: Die Grimmschen Märchen wurden verdächtigt, "das kindliche Bewusstsein mit fatalen weltanschaulichen Strukturen zu präformieren". Steinlein führt den Kinder- und Jugendbuchverleger HansJoachim Gelberg an, der ein programmatisches Nachwort zu den bei Beltz erschienenen Neudichtungen "Janosch erzählt Grimms Märchen" verfasst hat. Dort heißt es unter anderem: "Die Märchen der Brüder Grimm sind in einer längst vergangenen Zeit entstanden und weitererzählt worden. Sie bieten gesellschaftliche Strukturen an, die wir überwunden haben oder ablehnen. [...] Die stupide Webart vieler Märchen bei Grimm erzieht zum konservativen Denken."

Die Märchen haben, zieht Rüdiger Steinlein sein Fazit, "alle Attacken antiautoritärer und sonstiger Ideologiekritik und entsprechender Warnungen bis heute relativ unbeschadet überstanden". Die heutige Literaturpädagogik sehe in den Märchen einen Stoff zum Lesen und Experimentieren. Kinder könnten nach wie vor Märchen gebrauchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar