Kultur : Für Freundschaft ist kein Preis zu hoch

Morgen eröffnen die Staatspräsidenten Putin und Rau in Berlin die „Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen 2003/2004“. Noch fällt auf die Beziehungen ein Schatten der Vergangenheit. Der Aufbruch fällt auch fast 60 Jahre nach dem Ende des Krieges nicht leicht.

Bernhard Schulz

Vor wenigen Tagen erst wurde der Schlacht um Stalingrad gedacht, ihres grausamen Endes wie ihrer Bedeutung als Wendepunkt in Hitlers Ostfeldzug. Am morgigen Sonntag nun werden von den Staatspräsidenten Deutschlands und Russlands in Berlin die „Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen 2003/2004“ eröffnet, ein Doppeljahr des Kulturaustauschs, mit dem die Beziehungen beider Länder auf eine neue Stufe gehoben werden sollen. Nur scheinbar ist es unangebracht, die beiden Ereignisse, das Gedenken an den Krieg vor 60 Jahren und die Neuformulierung der Beziehungen heute, miteinander zu verknüpfen. Tatsächlich aber wird noch stets, wenn beide Länder einander begegnen, auf den Krieg Bezug genommen. Auch die gestrige Vorstellung des Programms der „Kulturbegegnungen“, so sehr sie auch von der Betonung der Gegenwart geprägt war (siehe nebenstehenden Bericht), kam an der Vergangenheit nicht vorbei. Das Stichwort lautet „Beutekunst“. Sein aus Sowjetzeiten stammendes Pendant der „Trophäenkunst“ erhellt, dass es sich um ein immer noch höchst entgegengesetzt bewertetes Problem handelt. Was der einen Seite ein widerrechtliches Relikt aus der Zeit der Ost-West-Teilung erscheint, hält die andere Seite für ein ewiges Unterpfand des Sieges von 1945.

Seit zwölf Jahren bestimmt die Diskussion um das Problem „kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter“ die deutsch-russischen Kulturverhandlungen. Fortschritte sind nur in homöopathischen Dosen zu haben. Die Rückgabe der gotischen Glasfenster aus Frankfurt an der Oder vor einem halben Jahr war ein spektakulärer Schritt, die gestern vom russischen Kulturminister Michail Schwydkoj und Kulturstaatsministerin Christina Weiss in Berlin bekräftigte Rückgabe der so genannten Baldin-Sammlung an die Bremer Kunsthalle im April wird ein nächster sein.

Es ist Bewegung in die jahrelang nahezu eingestellten Verhandlungen gekommen; und doch ist eine umfassende, eine abschließende Regelung des Problems so fern wie nie zuvor – seit das russische Parlament 1999 die Verstaatlichung der von der Roten Armee verbrachten Kultur-„Trophäen“ zum Gesetz erhob und jedwede Rückgabe ausschloss. Wenn Schwydkoj nun die überraschende Rückgabe von 60000 Zeitungen aus der Zeit zwischen 1845 und 1945 aus der Moskauer an die Berliner Staatsbibliothek so darstellt, als würden weltweit Zeitungssammlungen an die Ursprungsländer gegeben, dann ist solche Schlitzohrigkeit ein Signal, dass es Einvernehmen auch außerhalb des fatalen Duma-Gesetzes geben kann.

Metropole Moskau

Eine pragmatische Kulturpolitik – und dafür stehen die Verantwortlichen beider Seiten, Christina Weiss ebenso wie Michail Schwydkoj – kann das Problem der „Beutekunst“ relativieren und mit Gesten überspielen, aber nicht auf ewig ungelöst lassen. Gewiss müssen parallel zu dieser Frage Beziehungen geknüpft werden, die in der Gegenwart wurzeln und in die Zukunft weisen.

Das ist der Sinn des deutsch-russischen Kultur-Doppeljahres. Es erinnert von Ferne noch an die Zeiten, da das Auswärtige Amt über seinen Kultur-Mittler Goethe-Institut „Deutsche Kulturwochen“ in den Staaten des damaligen Ostblocks unternahm, darunter in deren Endzeit auch in der Sowjetunion: als Schaufenster für ein kulturhungriges Publikum. Normale zwischenstaatliche Kulturbeziehungen hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie der staatlichen Protektion so wenig wie möglich bedürfen, stattdessen zwischen den Institutionen, den Theatern, Orchestern und Museen verhandelt werden. Das ist immer auch eine Frage der finanziellen Leistungskraft oder auch des ökonomischen Gefälles. Insofern kann ein breitenwirksam angelegter Kulturaustausch wie das deutsch-russische Mammutprogramm nur unter offiziösen Rahmenbedingungen bewerkstelligt werden.

Umso wichtiger und richtiger ist es, den ganz normalen Austausch zwischen den Kultureinrichtungen zu fördern. Da ist im deutsch-russischen Verhältnis noch unendlich viel zu tun. Schwydkoj beklagte gestern, Deutschland habe „keine rechte Vorstellung“ vom heutigen Russland. Darum die „Kulturbegegnungen“: „Gerade heute ist es wichtig zu definieren, wer sind wir für die anderen?“ Als der russische Botschafter in Berlin, Sergej Krylov, ergänzte, nichts sei „so schwer, wie das Geheimnis der russischen Seele zu ergründen“, da steckte in dem launigen Wort auch Melancholie. Es gibt Grenzen des wechselseitigen Verständnisses, die bestenfalls durch Emotionen – die russischen Vertreter scheuten das Wort „Liebe“ nicht – durchbrochen werden können.

Hemmnisse ganz pragmatischer Art gilt es zu überwinden, zumal wenn der Zielort deutscher Kulturveranstaltungen außerhalb von Moskau liegt. Russland ist groß, und der Zar ist weit – das Sprichwort gilt wohl noch heute. Moskau aber ist eine Metropole, und wer ihre Entwicklung seit dem Zerfall der Sowjetunion verfolgt hat, kann nur staunen über die Geschwindigkeit, in der Defizite auch des kulturellen Angebots aufgeholt werden – und sich vielfach bereits in einen Vorsprung gegenüber dem heimischen Westen verwandelt haben. Da gibt es nicht mehr nur das Bolschoi-Theater, den Tschaikowskij-Konzertsaal und das Puschkin-Museum (wo, nebenbei, die Grande dame der russischen Museumswelt und einstige Trophäen-Kommissarin Irina Antonowa den Berliner Schliemann-Schatz unter Verwahrung hält), sondern eine Fülle von neu gegründeten Theatern, Orchestern, Galerien, eine Fülle, die hierzulande auch deshalb nicht wahrgenommen wird, weil es ein gewaltiges Hindernis gibt – die Sprache.

Ohne zumindest die Minderung der Sprachbarriere funktioniert Kulturaustausch kaum. Das gewaltige Potenzial, das aber gerade im Spracherwerb liegt, hat die deutsche Kulturpolitik nicht erkannt. Nach 1990 wuchs der Bedarf an deutschem Sprachunterricht in Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ins Unermessliche. Das Goethe-Institut sprach von zehn bis fünfzehn Millionen Interessenten. Dennoch wurde verabsäumt, die Zahl der Goethe-Institute im russischen Riesenreich entsprechend aufzustocken. Erst jetzt wird ein Abkommen zwischen beiden Staaten erarbeitet, das den Sprachunterricht auf eine feste Grundlage stellen soll. Gleich, aus welchen Gründen Menschen lernen wollen: Wer einer fremden Sprache mächtig ist, öffnet sich umso mehr auch für den Raum ihrer Kultur.

In dieser Perspektive dürfen die in Deutschland lebenden Russen, Exil-Russen und Russlanddeutschen nicht übersehen werden. Von zwei Millionen ist die Rede – 200000 allein in Berlin. Sie sind Mittler in beide Richtungen. Indem sie einen Markt für russische Kulturdarbietungen bilden, schaffen sie zugleich Resonanz bei deutschen Mitbürgern. Wie die Kulturinstitute der West-Alliierten in der Nachkriegszeit den Boden bereitet haben für ein lebenslanges Interesse an der Kultur ihrer Heimatländer, so könnten Einrichtungen wie das Berliner „Haus der russischen Wissenschaft und Kultur“ den Blick gen Osten lenken – einen Blick, der auf Gegenwart und Zukunft gerichtet ist.

Und doch bleibt der Zweite Weltkrieg, der in der Sowjetunion stets der „Große Vaterländische Krieg“ hieß, der moralische Bezugspunkt. „2005 wird ein historisch bedeutungsvolles Jahr für die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sein“, hat Schwydkoj dieser Tage im Gespräch mit dem Tagesspiegel erklärt: „Weil es das 60. Jubiläum des Kriegsendes ist.“ Aber er hat – das sollte man im Ohr behalten – hinzugefügt, beide Seiten sollten es „gemeinsam feiern“. Am besten, so wäre zu wünschen, mit einer umfassenden Regelung für die Beute- oder Trophäenkunst, das ungelöste Erbe des Jahrhunderts von Hitler und Stalin.

Wie sagte der Minister gestern? „Für Freundschaft ist kein Preis zu hoch.“

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