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Jugendjahre des Jazz: Jamie Cullum und sein Erfolgsalbum „Twentysomething“

Maxi Sickert

Da kommt er. Ungekämmt und verschlafen schlurft er näher, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, der Sängerstar, der in einem Atemzug mit Frank Sinatra und Robbie Williams genannt wird. Jamie Cullum ist in Hamburg, um sein neues Album „Twentysomething“ vorzustellen (Universal), dann geht es weiter mit einer England-Tournee. Dort füllt er die großen Hallen, die Karten sind seit Wochen ausverkauft, auch für die Folgetournee im Sommer. Die Leute hätten vor der Konzertkasse übernachtet, heißt es, und das, obwohl bis vor wenigen Wochen kaum jemand den Jazz-Sänger kannte.

Was heißt Jazz: Jamie Cullum ist Pop. Seine Songs werden im Radio gespielt, sein Video läuft auf MTV, sein Gesicht findet sich auf Titelblättern von Frauenzeitschriften, und Prince Charles lud ihn ein, auf dem Geburtstag der Queen zu spielen. Hinzu kommt, dass er einen Plattenvertrag über eine Million Pfund abgeschlossen haben soll. So viel wurde für Jazz noch nie ausgegeben. Doch seit Norah Jones das Traditionslabel Blue Note durch den Verkauf von weltweit 18 Millionen Platten vor dem Aus bewahrt hat, suchen auch andere nach neuen Stars im Jazzsegment. Da kam der 24-jährige Engländer gerade recht, der mit seiner Mischung aus Cole Porter und Punk, Rebel-Without-A-Cause-Image und Leonardo-DiCaprio-Gesicht offenbar einen Nerv trifft.

Dem Bild des ungeschliffenen Grenzgängers wird Jamie Cullum am Abend im Hamburger Mandarin-Club gerecht. Da inszeniert der Pianist und Sänger sein Jazztrio (mit Bassist Geoff Gascoyne und Schlagzeuger Sebastiaan de Krom) als Rockband, indem er mal mit dem Fuß gegen die Tasten tritt, auf das Klavier springt, plötzlich drunter liegt oder die Saiten des Flügels bearbeitet. Er singt Jazzballaden sowie Songs von Radiohead und Jimi Hendrix, eigene Kompositionen wie „All At Sea“ oder das Titelstück „Twentysomething“ die sich nahtlos einfügen. Denn Cullum überträgt die Texte auf seine Welt und singt sie, als würde er von sich erzählen. Sehr direkt, zugewandt, mit erdiger, rauer Stimme.

Jamie Cullum weiß, dass er jung aussieht. Zu jung, um ihn ernst zu nehmen. Und er spielt damit. Er sei ja noch so jung, sagt er häufig. Dabei legt er lässig die Hände mit den abgebrochenen, schwarzgeränderten Fingernägeln auf den Tisch. Er hat zwar ein abgeschlossenes Cambridge-Studium in englischer Literatur und Film und produzierte seine ersten beiden Alben selbst, aber er tut so, als käme er gerade vom Schulhof aus der Raucherecke. Als jüngster Günstling eines Medienhypes möchte er sich dann doch nicht verstanden wissen. Die TV-Auftritte in den Samstagabend-Shows von Michael Parkinson, dem Gottschalk Englands, hätten sicherlich einiges bewirkt. Aber er habe schon vorher Musik gemacht.

Bloß keine Botschaft

Eigentlich war schon das erste Album der Katalysator für den jetzigen Erfolg: Die CD verkaufte Cullum bei seinen Konzerten – ohne Plattenfirma. Dann bot ihm eine Agentin des britischen Candid-Labels einen Vertrag an, und Parkinson begann, Cullum im Radio und im Fernsehen zu promoten. Schließlich kam das Universal-Angebot. Das sei auch Glück gewesen; „da draußen“ gebe es schließlich unendlich viele talentierte Musiker.

Millionär ist Jamie Cullum nicht. Die vielen Pfund, die Universal für ihn ausgab, seien nicht auf seinem Konto gelandet, sondern wurden vor allem ins Marketing und die Produktion investiert. Um sich in den USA Gehör zu verschaffen, trat Cullum drei Wochen lang im New Yorker Oak-Room auf: Hier begann schon die Karriere von Diana Krall. Mit der möchte Cullum allerdings nicht verglichen werden. Zu alt, zu überproduziert klinge das. Aber auch Cullum ließ sich, wie Krall, von Starfotograf Bruce Weber in dessen Haus in Miami für „Vanity Fair“ porträtieren. Und auch er ist sich für Streicherarrangements nicht zu fein.

Ein Streichquartett, betont Cullum, kein Orchester. Und sie hätten das Album innerhalb von sechs Tagen live im Studio aufgenommen, ohne Overdubs oder andere technische Tricks. Auch den Vergleich mit Robbie Williams und dessen Songbook-Album mit Nicole Kidman weist er von sich: „Das war altmodisch und sollte auch so klingen, wie aus einer anderen Zeit. Robbie nahm das Rat-Pack-Ding, die Anzüge, die Tänzerinnen, die Whiskeys und stellte sich vor eine Bigband. Ich nehme das Material und gebe ihm eine neue Form, indem ich es aus einer anderen Position betrachte. Ich bin mit Public Enemy und Kurt Cobain groß geworden. Ich möchte das reflektieren und nicht so tun, als sei ich mit Frank Sinatra aufgewachsen.“

In der Tat sind viele Stücke bewusst entleert, „nackt und schutzlos“, wie Cullum es nennt. „Blame It On My Youth“ ist so ein Song. Auf eine Botschaft will er sich auch nicht festlegen, wie etwa Norah Jones, die letztes Jahr einen Anti-Kriegs-Song in ihrem Programm hatte. Das sei eine zu große Verantwortung, und: Er sei ja noch so jung.

Mit 16 habe er angefangen, Musik zu machen, damals vor allem in kleinen Punkbands. Bis heute kann er keine Noten lesen – das würde ihn zu sehr einschränken. In Konzerten spielt Cullum neben Klavier auch E-Gitarre und Orgel. Er hat ein gutes Empfinden für Zeit und dafür, Popsongs zu Jazz zu machen. „Ich sehe mich als Jazzmusiker, auch wenn ich kein Virtuose bin, kein Herbie Hancock oder Keith Jarrett. Ich liebe Jazz und die Möglichkeit, alle Stile einfließen zu lassen. Jamie Oliver bringt die Leute dazu, Basilikum zu kaufen, Adam Thirlwell bringt sie dazu, Ossip Mandelstam zu lesen. Wegen mir kauft sich vielleicht jemand Platten von Miles Davis und John Coltrane.“

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