Kultur : Für immer Seilschaft

Mit 95 unter der Zirkuskuppel: ein Dokumentarfilm über „Die Thuranos“

-

Ohne Schminke sieht der Mann wie ein alter Indianer aus. Auf dem Drahtseil aber macht er den Clown. Mit seinen 95 Jahren beherrscht Konrad Thur die hohe Kunst der vorgetäuschten Schwäche mit Grandezza. Hier will ein Beinchen nicht so recht, dort verklemmt sich ein anderes Körperteil im Seil. Sohn Johnjohn, seit dem vierten Lebensjahr mit Papa auf der Bühne und mittlerweile mit knapp 60 selbst ein gestandener Mann, muss den Junior geben, der den Alten mit gemeinen Anforderungen schikaniert.

Die „Thuranos“: Das war 50 Jahre lang die weltweit einzige VaterSohn-Seil-Comedy. Die Dokumentarfilmer Kerstin Stutterheim und Niels Bolbrinker, die etwa den Zusammenhang zwischen Bauhaus und Flugzeugindustrie oder zuletzt dem Swing in Deutschland gemeinsam filmisch widergespiegelt haben, zeichnen nun die bewegte Geschichte der „Thuranos“-Artistenfamilie seit den Anfängen im Apollo-Theater in Düsseldorf 1927nach. Dabei beschränkt sich die Geschichte bei weitem nicht auf Vater und Sohn. Konrads Ehefrau Henriette Althoff stammt selbst aus einer sehr bekannten Zirkusfamilie. Und auch Tochter Sabine stand viele Jahre in der Manege.

Geboren wurde sie wie JohnJohn in Südafrika, wohin die Thuranos 1937 auswanderten, als ihnen die Verhältnisse in Deutschland zunehmend unheimlich wurden. Afrika, hatte Konrad gedacht, das ist schön weit weg. Doch auch dort wurde die Familie von den politischen Realitäten eingeholt und in ein Lager für feindliche Ausländer interniert. Später folgten auf Erfolge Schicksalsschläge, auf Katastrophen neue Triumphzüge. „Die Thuranos“ arbeitet dabei mit offenherzigen Berichten der Beteiligten und historischen Filmschnipseln, von denen viele aus dem Familienarchiv selbst stammen – durch Farbschwund und Unschärfe verzauberte Super-8-Einblicke in längst vergangene Zirkuszeiten, die auch ästhetisch eine Aufführung der Dokumentation im Kino rechtfertigen. Der Rest ist Fernsehen, aber sehr anständiges. S.H.

Neue Kant Kinos, Nickelodeon

0 Kommentare

Neuester Kommentar