Kultur : Für immer sonnig

Brasiliens größter Popstar: eine Begegnung mit Sérgio Mendes, der am Dienstag in Berlin auftritt

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Der Bart ist dünner, das Lächeln ist geblieben. Der 70-jährige Sérgio Mendes in Berlin. Foto: Paul Zinken
Der Bart ist dünner, das Lächeln ist geblieben. Der 70-jährige Sérgio Mendes in Berlin. Foto: Paul Zinken

Gerne wird behauptet, wirklich große Kunst könne nur aus Trauer, Schmerz und unter Einfluss diverser Drogen entstehen. Vielleicht misstraut man deshalb diesem Sérgio Mendes, wie er zufrieden lächelnd im Foyer des Adlon-Hotels sitzt und in einen Keks beißt. Der international erfolgreichste brasilianische Musiker aller Zeiten trägt eins seiner berüchtigten bunten Hemden, heute ein schinkenfarbenes Poloshirt aus Flanell, und blaue Segelslipper. Die dünn gewordenen Haare hat er mit Pomade nach hinten gekämmt, um den Mund lässt er sich einen spärlichen Rest des schwarzen Barts stehen, der ihn vor 40, 50 Jahren schmückte, seiner großen Zeit.

Damals in den Sechzigern schuf Mendes einen unglaublich coolen, aber keineswegs kühlen Sound, den man bis heute mit dem Brasilien der Copacabana und Ipanemas assoziiert: eine locker wippende elektrische Orgel, eine gut gelaunte Rhythmussektion, lässige Bläsersätze und – am wichtigsten – zwei fröhliche Frauenstimmen, die, über allem schwebend, komplizierteste Tonfolgen trällern.

Das alles kam so unbeschwert daher, war und ist die pure Eleganz, dass man die ausgetüftelten Arrangements, die musikalische Komplexität dahinter gar nicht mehr wahrnimmt. Aber wenn man etwas tiefer in Mendes’ Songs hineinhört, kann man gar nicht anders, als über die Geschicklichkeit dieses kleinen Pianisten von mittlerweile 70 Jahren zu staunen. Nicht umsonst wirken Mendes’ Easy-Listening-Kunststücke wie der Soundtrack zu Herren in scharf geschnittenen Anzügen und Damen in chicen Flowerpowerblusen, zum Klirren von Martini-Gläsern vor sanfter Brandung. Sie erinnern an eine Epoche, in der die Zukunft auch in ärmeren Weltregionen noch ein Versprechen war und keine Drohung.

Mendes, der am heutigen Dienstag im Skulpturengarten der Berliner Neuen Nationalgalerie mit einer vielköpfigen Band eins seiner seltenen Konzerte spielt, ist trotz seiner inzwischen fast 40 Platten und einiger sehr erfolgreicher Schnulzen in den Achtzigern immer dieser Ära verhaftet geblieben. Äußerlich – eine tropische Erscheinung mit Strohhut, natürlich im Auftreten, ohne eitle Attitüde – wie innerlich. Elvis, Sinatra, Mick Jagger, Stevie Wonder, Pavarotti, Paul McCartney und Justin Timberlake: Mendes hat sie alle getroffen, aber er schwärmt immer noch davon, wie er, der Arztsohn aus der Kleinstadt Niterói, noch keine 20 Jahre alt, mit der Fähre über die Bucht von Guanabara nach Rio de Janeiro fährt, um dort in der kleinen Bottles Bar bis zum Sonnenaufgang mit den Erfindern des Bossa Nova, Tom Jobim und João Gilberto, zu spielen. „Eine Zeit der Offenheit und der Experimente war das“, erinnert er sich, „sinnlich, kreativ, frei. Ich habe saudade nach dieser Zeit.“ Sehnsucht. Der Bossa Nova, die Neue Welle, war die Begleitmusik zum grenzenlosen Fortschrittsglauben, der Brasilien erfasst hatte.

1962 nahm Tom Jobim, der sich als Mendes’ Mentor verstand, ihn zu einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall mit. Dort trat Mendes mit dem Jazz-Gitarristen Charlie Byrd auf, kurz darauf unterzeichnete er einen Vertrag bei Atlantic Records. Als Mendes aber nach Brasilien zurückkehrte, putschte dort 1964 das Militär. Vier Tage später kam sein erster Sohn zur Welt. Als Bossa-Musiker stand er unter Generalverdacht, ein Linker zu sein. Prompt hielt die Geheimpolizei ein Telegramm, in dem er einen Freund über die Geburt unterrichtete, für eine verschlüsselte Botschaft. Mendes wurde verhört, sein Freund festgenommen. Der Musiker entschied: Meine Zukunft liegt in den USA. Wegen des „tollen Klimas“ ließ er sich in Los Angeles nieder. Mendes wechselte zum jungen, ambitionierten A&MLabel und setzte mit seiner siebenköpfigen Band Brasil ’66 die Songs anderer kongenial um, kombinierte komplexen Jazz und Bossa Nova zu eingängiger Popmusik, etwa Burt Bacharachs „The Look of Love“. Oder er verpasste „Fool on the Hill“ von den Beatles einen schwerelosen Sound – die Version verkaufte sich besser als die Single der Fab Four.

Er habe sich immer nur als Interpret verstanden, sagt Mendes, „genauso wie Sinatra oder Billie Holiday“. 1966 dann der Durchbruch. Er nahm Jorge Bens „Mas que nada“ (auf deutsch etwa: „Was soll’s?“) auf, das bis heute der einzige Welthit auf Portugiesisch geblieben ist. Das freche, nur 2:41 Minuten lange Stück setzt ein mit der Beschwörung der Orixa-Göttin Obá: „Ôooo ariá raiô. Obá! Obá! Obá!“. Um dann von einem unwiderstehlichen „schwarzen Samba“ zu erzählen, der nun unbedingt und auf der Stelle getanzt werden müsse. Vielfach wurde diese Apotheose des Easy Living im Lauf der Jahrzehnte missbraucht: von Nike, dem Disney-Konzern und den Black Eyed Peas, mit denen Mendes das Lied noch einmal neu einspielte, „um auch der Jugend diese tolle Melodie nahezubringen“. Und dennoch ist das Original nie alt oder lästig geworden, genauso wenig wie die Melodien Mozarts, der Beatles oder Tom Jobims.

Kritik an seinen Hip-Hop-Ausflügen findet der Bandleader befremdlich. „Ich mag dieses Negative nicht“, sagt er. Er versteht sich als „unpolitisch“ und seine Musik als große Feier des Lebens, der Herzensgüte. Mendes trat für Richard Nixon und Ronald Reagan im Weißen Haus auf, aber die Frage, ob er zumindest gezögert habe, die Einladungen dieser Freunde der lateinamerikanischen Ultrarechten anzunehmen, versteht er nicht.

Mendes reist regelmäßig nach Rio. Dort hat er, am Strand von Ipanema, schon vor einer Million Menschen gespielt. Dennoch gibt es auch in Brasilien Puristen, die ihn für einen Abtrünnigen halten, einen, der den Bossa Nova amerikanisiert und trivialisiert hat. Sie verstehen nicht, dass es Mode und Schönheit gibt. Die Erste vergeht, die Zweite bleibt. Sérgio Mendes’ Arrangements sind geblieben, seit einem halben Jahrhundert schon.

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