Kultur : Für Mitmacher

Hysterisch bunter Abend: She She Pop im HAU 2

Jan Oberländer

Kein Getriebe ohne Rädchen! Jeder ist wichtig! Die in glamourösen Glitter gekleideten Mitglieder des Gießener Performance-Kollektivs She She Pop weisen jedem Zuschauer vor Beginn ihrer „Relevanz-Show“ im HAU 2 eine Rolle zu. Die „Meinungsmacher“ sind fürs Eierwerfen zuständig, die „Kritiker“ hängen sich ein Plastikfernglas um und machen Notizen, und die „Showgirl“-Gruppe kriegt einen Federschmuck auf und tanzt den Eröffnungsreigen. Performerin Lisa Lucassen sitzt als „Inspizientin“ am Schaltpult und regelt den Bühnenverkehr. Der Rest der Truppe bietet per Videoschaltung in immer neuen Kostümen immer neue Nonsense-Nummern an: „Ich könnte was über die letzte Schneeflocke machen.“ Zwischendurch gibt’s Livemusik. Die Zuschauer müssen ebenfalls immer wieder ran: Bitte mal kurz die wichtigste Person in Ihrem Handytelefonbuch anrufen!

„Was war am Wichtigsten in den letzten 24 Stunden?“ Auch die harten Themen soll das Publikum liefern. Die Stichworte erscheinen auf großer Leinwand: Essen, Geldverdienen, Stromanbieterwechsel, das kaputte Knie, der Christopher-Street-Day – während Mieke Matzke frei dazu assoziiert. Bisweilen ist das witzig, bisweilen setzt die Meinungsmacherriege die Wasserpistole durchaus zu Recht ein. „Was ist relevant an diesem Abend? Entscheiden Sie selbst!“ Hilfestellung gibt das eigene Gefühl. Zum Beispiel: Ekel. Berit Stumpf verspeist eine blaue Plastikfeder, eine Tomate und ein rohes Ei. Die Schale knirscht beim Kauen, Dotter tropft vom Kinn, dem Kritiker wird flau im Magen, ein Meinungsmacher wirft eine Rose, Stumpf beißt ihr den Kopf ab. Body Art meets Rummelplatz.

Wer sich nicht konzentrieren will, könnte man böse sagen, macht eine Nummernrevue. Der Alibi-Überbau vom politischen Privaten geht jedenfalls im Showgetümmel unter. Vielleicht muss man die Latte etwas niedriger hängen. „Das Gegenteil von Relevanz“, heißt es an einer Stelle, „ist nicht Bedeutungslosigkeit, sondern Depression.“ Und gute Laune hat man durchaus nach diesem sympathisch hysterischen Abend. „Vielleicht sucht das Publikum nach einer Hilfestellung“, überlegen die Performer, und haben eine Idee: „Oder nach Ablenkung, wie wir auch.“

Am Ende hebt die Liebeserklärung ans Publikum die Show auf eine Kulturbetriebsmetaebene: „Solange ihr da seid, sind wir sicher, gebraucht zu sein.“ Das rote Kuschelmonster mit den flauschigen Drei-Meter-Umarme-Armen, das einige Zeit zuvor auf die Bühne getapst war, ist ein aufs Herzzerreißendste überzogenes Bild für dieses ironisch-schöne Zuneigungsgefühl. Da möchte man dann zu gerne einmal das Kritikerfernglas abnehmen und She She Pop ein bisschen zurückumarmen. Jan Oberländer

wieder am 25., 28. und 29. Juni, 20 Uhr

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