Kultur : Für Nichtschwimmer

Kacheln, die die Welt bedeuten: Wie das alte Steglitzer Stadtbad in ein Theater verwandelt wurde

Daniel Wixforth

Es ist kalt im Weltall. Jedes Kind weiß das. Und doch übermannt einen die Erkenntnis ziemlich unvorbereitet, wenn man wirklich dort ist. Auch die Augen benötigen etwas Zeit, um sich an das grelle Licht zu gewöhnen. „Folgen sie mir“, ruft ein stämmiger Mann. Er eilt durch die Gänge, vorbei an technischen Instrumenten, bis er die kleine Gruppe schließlich ins Herz der Raumstation führt: Eine große, fast sakral wirkende Kuppelhalle. „Willkommen auf Solaris!“ Blaues und rotes Dämmerlicht leuchtet den weiten Raum schwach aus. Alles hier ist mit Fliesen ausgelegt. „Nichtschwimmer-Bereich“ steht auf einem Schild.

Das Weltall liegt im Südwesten Berlins, genauer: im stillgelegten Steglitzer Stadtbad. Seit zwei Jahren nutzt das Schauspielensemble um den Regisseur und künstlerischen Leiter Stefan Neugebauer die Räume des hundert Jahre alten Schwimmzentrums, um hier Theater zu machen. Unter der Regie von Neugebauers Kollegen Oleg Myrzak steht noch bis zum 25. Oktober „Solaris“, ein Stück nach Stanislaw Lems gleichnamigem Science-Fiction-Roman, auf dem Programm. Die Kulisse ist authentisch, nicht nur aufgrund der Temperatur. Das Bad zu beheizen, wäre viel zu teuer – so müssen die Zuschauer mit Wolldecken im Nichtschwimmerbecken Platz nehmen. Zwischen Schwimmerbereich, Umkleidekabinen und den Gängen unterm Dach des Jugendstilbaus tauchen sie für zwei Stunden ab in die Welt der Raumstation, deren Forscher den Planeten Solaris erkunden wollen und dabei zunehmend selbst zu Versuchsobjekten des intelligenten Sterns werden.

„Die Idee, Theater abseits der bekannten Bühnensituation zu schaffen, entstand schon im Jahr 2000“, erzählt der studierte Theaterwissenschaftler Neugebauer. Damals inszenierte er im „Cookies“, damals der In-Club von Berlin- Mitte. Die Presse verpasste dem Projekt den Namen „Clubtheater“, Stefan Neugebauer machte aus dem Etikett kurzerhand ein Programm. Es folgten Aufführungen an unterschiedlichen unkonventionellen Orten, etwa im Anatomie-Hörsaal der Charité. Das Konzept sprach sich rum, auch bis zu der Wasserfitness-Unternehmerin Gabriele Berger, die 2004 das verlassene Stadtbad gekauft hatte.

Sie lud Neugebauer zu einer Besichtigung ein. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem – alle dramaturgischen Ideen überschwemmenden – Raum ließ sich der Regisseur doch von der Kulisse inspirieren. „Wenn man länger in dem leeren Becken steht, kommt man sich als Mensch winzig vor. Ich musste sofort an Woyzeck denken.“ Also inszenierte Neugebauer dort Büchners Klassiker – so erfolgreich, dass die Eigentümerin ihm anbot, in Steglitz zu bleiben und das Bad als festen Aufführungsort zu nutzen.

Der Weltraumforscher Kelvin, Protagonist in „Solaris“, ist zusammen mit dem Publikum auf der Raumstation angekommen. Seltsam verwirrt wirken seine beiden dort arbeitenden Kollegen, außerdem tauchen merkwürdige Gäste auf. Anscheinend kann Solaris die Gedanken der Menschen lesen und zum Leben erwecken. So kommt es, dass Kelvin eines Morgens neben seiner vor Jahren verstorbenen Frau aufwacht.

Gespielt wird die Untote von Birgit Pelz. „Feste Gagen bekommen wir hier nicht“, verrät sie vor der Vorstellung. „Was die Schauspieler verdienen, richtet sich nach der Zuschauerzahl. Wer hier spielt, macht das aus Spaß am Beruf oder aus Liebe zum Stück, aber nicht, um Geld zu verdienen“, fügt Neugebauer zerknirscht hinzu. Gut gefüllte Vorstellungen, das sind Abende, an denen 40 bis 60 Zuschauer ins Stadtbad kommen. Der größte Erfolg des Hauses war bislang eine Theaterversion von Erich Kästners Kinderkrimi „Emil und die Detektive“. Da strömten regelmäßig über 100 Besucher in die Halle. „Das lag wohl hauptsächlich an der Popularität des Stückes. Allerdings habe ich an großen Bühnen dieser Stadt auch schon Emil-Inszenierungen gesehen, die schlechter waren als unsere“, lobt Neugebauer sich selbst.

Der Theatermacher sieht sein Haus in der Rolle eines David, der den Goliaths der Berliner Theaterszene erfolgreich trotzt. Angriffslust schwingt mit, wenn er von seinen Plänen berichtet. „Als kleine Off-Bühne sind wir gezwungen, kämpferisch und risikofreudig Inszenierungen anzubieten, die in konventionellen Theatern nicht realisierbar wären.“

Das Stadtbad wurde 1908 als Erholungsort für das Westberliner Bürgertum gebaut, neben den Schwimmbecken finden sich in dem Haus noch ein römisches Heilbad, Massagezimmer und Therapiekabinen. Auch diese Räume hat Neugebauer mit seiner Truppe schon bespielt. Vor sechs Jahren wurde der Schwimmbetrieb in der denkmalgeschützten Halle eingestellt, nun plant man ein Sanierungskonzept „zur Nutzung als Badebetrieb unter zukunftsweisenden Gesichtspunkten“. Erst einmal gibt es aber noch Theater, und das kann ebenfalls recht zukunftweisend sein, wie „Solaris“ zeigt.

Im nächsten Jahr will Neugebauer ein Musiktheaterprojekt realisieren und Schuberts „Winterreise“ in das leere Becken holen. Die Temperaturen dafür stimmen bereits, im unbeheizten Steglitzer Weltall mit dem „Nichtschwimmer“- Schild über den Sitzreihen.

Stadtbad Steglitz, Bergstr. 90. „Solaris“ ist noch vom 16. - 18. sowie 23. - 25. Oktober zu sehen, jeweils um 20 Uhr. Infos unter: www.stadtbad-steglitz.de

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