Kultur : Für Sebastian Hartmann ist das Nichts nichts anderes als eine Autowaschanlage

Peter Laudenbach

Mit Sebastian Hartmanns "Traumspiel"-Inszenierung ist zumindest eine der großen Menschheitsfragen endgültig beantwortet. Stellten sich die Philosophen seit der Antike das Nichts als ein schwarzes Loch oder buddhistisch als Erlösung vor, zeigt Hartmann, dass das Nichts nichts anderes als eine Autowaschanlage ist. Am Ende, ganz am Ende der langen zwei Volksbühnen-Stunden, stehen die Schauspieler zerzaust und erschöpft vor der Fassade einer Tankstelle mit der verheißungsvollen Inschrift "Clean Wash". Der Engel, der sie durch den Abend geführt hat, die zauberhafte Cordelia Wege, betrachtet die rotierenden weißen Putzbürsten, schaut durch sie hindurch und verkündet, hier sei das Ziel der Reise.

Dahinter, ja, dahinter ist das Nichts. Jede einzelne der Figuren, der groteske Michael Klobe (ein Bierbauch auf Entenfüßen) der hübsche Guido Lambrecht, ein ratloser Gerd Preusche, der erstaunlicherweise immer noch lächelnde Peter René Lüdicke und ihre Kombattanten lassen sich von den Waschbürsten ins Nichts ziehen. So robust werden Welträtsel und Erlösungssehnsucht entsorgt. August Strindbergs "Traumspiel", geschrieben 1901, ein Jahr nach Freuds "Traumdeutung", ist ein seltsames Stück, ein Märchen voller allegorischer Figuren. War für Freud der Traum die Pforte, die "Via regia zur Kenntnis des Unbewussten," behauptet Strindberg im "Traumspiel" eine zweite Wirklichkeit, losgelöst von den Zwängen der Empirie.

Ein Engel, die Tochter eines Gottes, reist durch die Welt und entdeckt das Unglück der Menschen, ein Unglück, das keine Erlösung und keine Befreiung kennt. "Es ist schade um die Menschen", lautet dann auch das Leit- und Leidmotiv des Stückes, ein Stoßseufzer, der ganz nebenbei zu verstehen gibt, dass man mit dieser seltsamen Gattung eigentlich nur Mitleid haben kann. Vielleicht muss man deshalb Hartmanns Inszenierung als Prolog zu Castorfs für den Herbst geplanter Adaption von Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" verstehen, in dem es unter anderem um die Abschaffung dieser traurigen Gattung geht. Strindbergs Figuren, Stellvertreter der bedauernswerten Menschheit, führen ein großes Welttheater auf - ein verarmter Advokat, ein unglücklich verliebter Offizier, ein Dichter, der erstens nicht ganz bei Trost und zweitens ein Selbstporträt Strindbergs ist (strafverschärfend gespielt von Kate Strong) - lauter Verliebte und Kaputte, Desorientierte und rettungslose Schwärmer.

Hartmann macht aus Strindbergs Welttheater einen krachenden Zirkus und einen Theaterabend über Theater. Luhmann-Leser nennen solche Scherze selbstreferenziell, ein Spaß, bei dem von Strindbergs Kosmos wenig mehr übrig bleibt als gut gelaunt und kraftmeiernd präsentierte Theatereffekte: So eine hübsche Drehbühne! So ein schönes Lichtgeflacker! Und ein Hund! Und eine Ziege! Und ein echtes Auto! Und eine Flugmaschine! Und geistig Behinderte als Außerirdische! Und zwei richtige Boxer!

Am Anfang war die Bühne wüst und leer - aber dann kam Cordelia Wege, ein Engel im Twiggy-Design, eine Unschuld, die nicht von dieser Welt sein kann, ein vom Elend und Schmutz des Menschenlebens unangekränkeltes Märchenwesen. Cordelia Wege ist die Tochter eines Gottes (das haben wir eigentlich immer geahnt), und dieser Gott schickt sie auf ihre lange Reise ans Ende der Nacht. Gott, eine Stimme aus dem Off, heißt im Zivilleben übrigens Otto Sander.

Nach diesem Prolog will uns Hartmann daran erinnern, wo wir sind. Im Theater, genauer in dem Theater, in der Volksbühne. Damit wir das nicht vergessen, fährt eine Attrappe der wuchtigen Volksbühne-Fassade aus dem Bühnenboden, das Personal des Abends marschiert auf und siehe da, Strindbergs Märchengestalten haben sich in hässliche Proleten, in mürrische Kleinbürger, in schlecht angezogene Verlierer, kurz: in Volksbühnen-Zeitgenossen verwandelt. Mümmelnd stehen sie da in ihren karierten Hemden und den braunen Hosen aus dem Fundus, missmutig blicken sie in die Welt, in die Zukunft, ins Publikum und machen aus Strindbergs Traumszenen kurze, schlechtgelaunt berlinerte Selbstgespräche - unter strengem Verzicht auf Märchen, Traum, Poesie und Weltentrückung logischerweise. Peter René Lüdicke gelingt es mühelos, die Klagen des verarmten Advokaten in das Lamento eines Volksbühnen-Schauspielers zu verwandeln: "Schau diese Wände an", er zeigt auf die Wände des Zuschauerraums, ist es nicht, als hätten alle unsere Sünden diese Tapeten beschmutzt". Blick ins Publikum: "Hierher kommt nie ein Mensch, der lächelt; nur böse Blicke, gefletschte Zähne, geballte Fäuste... Und alle speien sie ihre Bosheit, ihren Neid, ihre Verdächtigungen über mich..." Die Leiden einer Strindberg-Figur sind nichts im Vergleich zu den Leiden eines Volksbühnen-Schauspielers. Man könnte diesen Abschnitt der Inszenierung eine Castorf-Paraphrase nennen. Später wird eine längere Schlingensief-Sequenz folgen (tanzende Behinderte! seltsam artikulierte Statements über Kranke und Gesunde!), und auch des lieben, alten Herrn Kresnik wird mit Blut und einer fragwürdigen Tanzeinlage höflich gedacht.

Eine sehr gelungene Szene lang versucht Hartmann tatsächlich , sich auf Strindberg einzulassen, eine Szene allerdings, die er rüde entromantisiert. Aus der Liebesbegegnung zwischen dem Engel und dem verarmten Advokaten macht er die höhnische Travestie auf alle Liebesszenen der Theatergeschichte. Geigen wie aus einem sehr kitschigen B-Movie. Ein lächelnder Engel. Ein stotternder Sexual-Verlierer. Romantik scheint sich einstellen zu wollen. Aber dann kommt das Theater dazwischen. Erst stört ein auf der Bühne herumstehender Schauspieler, der energisch vertrieben werden muss ("Hau doch ab, Du Gast"), dann machen im Hintergrund Bühnenarbeiter Lärm und dann stimmt die Musikeinspielung nicht mehr. Kein Wunder, dass nach diesem Auftakt die Liebe nicht erblühen kann und die Hochzeitsnacht als Quickie auf einer Stahl-Liege absolviert werden muss. So haben wir uns die Liebe am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts immer schon vorgestellt!Wieder am 27. 5. und am 2., 8., 12. und 16. 6.

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