Kultur : Für was mir fehlt, schreib’ ich ein Lied

Sie sind die Helden des Diskurs-Pop. Blumfeld, die wichtigste deutsche Band der Neunziger, bringt mit „Jenseits von Jedem“ ihr erstes freundliches Album heraus – und verabschiedet sich vom Pathos der Gesellschaftskritik

Kai Müller

Jemand hat einen Topfkuchen mitgebracht. Ein anderer gekochte Eier, wieder einer eingelegte Oliven. Eine aufgeschnittene Wassermelone, Erdbeeren, Äpfel und Tomaten liegen verstreut in Körben, auf Tellern und Holzbrettchen im Grünen. Darüber versinkt eine Picknickgesellschaft in Schweigen. Acht Menschen sitzen im Kreis, blicken verlegen irgendwo hin, nur nicht in die Kamera, und sagen nichts. Nur einer grinst zumindest und guckt. Sieht einen direkt an. Das ist Jochen Distelmeyer, Kopf und Sänger von Blumfeld, ein netter Kerl.

Bilder können so einfach sein. Zumal wenn sie aus der Harmonie eines eben fertig gewordenen Albums heraus entstehen und sowieso nur für die Cover-Rückseite bestimmt sind. Aber ist das Einfache auch immer einfach zu verstehen? Das Bild, das die vielleicht wichtigste deutsche Band nebst Produzent, Manager und Freundinnen wie das berühmte Frühstücksbild von Edouard Manet auf einer Sommerwiese zeigt, ist ein komisches Zeugnis der Verweigerung. Statt dass fröhliche Menschen dem Sommer angemessene Dinge tun, blickt man in eine Runde erstarrter Gestalten, die eine trübsinnige Tatenlosigkeit erfasst. Sogar ein Schachbrett liegt in ihrer Mitte als Gegenstand des Grübelns. Aber vielleicht ist die Picknickszene auch nur eine besonders raffinierte Art, das berühmte „Electric Ladyland“-Cover von Jimi Hendrix zu verarschen, auf dem die Musiker zwischen nackten Models posierten. Rockmusik kann ja so charmant sein!

„Die Sonne lacht/ und ich fühle mich frei“, lautet der erste Satz des neuen Blumfeld-Albums „Jenseits von Jedem“ (ZickZack/Warner), das am Montag herauskommt. Es ist der Auftakt für ein sommerliches Musiktheater, dessen Held noch eine ganze Reihe weiterer solcher sehr grundsätzlicher Sätze sagt. Vieles „leuchtet“, „atmet“ und „blüht“ auf dieser Platte, und den Sänger ergreifen Weltumarmungsgelüste, die er allerdings als einsam-distanziertes Dichter-Ego selten ausleben kann. Sei es, weil ihn apokalyptische Fieberträume packen („Alles versinkt in schwarzen Fluten“), sei es, weil ihm sein lyrisches Ich lediglich gestattet, den Vorhang beiseite zu schieben („Und ich bin hier – Jenseits von Jedem/ Allein mit mir und seh dem bunten Treiben zu“). Das Drama des Sängers als einsamer Beobachter.

Es mag an Distelmeyers zunehmender Selbststilisierung zum romantischen Poeten liegen, dass die Veröffentlichung dieser fünften Platte von teils ratlosen, teils ernüchterten oder zusehends entnervten Kommentatoren mehr umspielt als besprochen wird. Was soll man sagen über eine Musik, die für sich genommen von behaglicher Banalität ist? Gitarrenlastige Popliturgien, mehr in die Fläche als in die Höhe treibend, von Bläsern und Streichern dezent überzuckerte Balladen ohne Schnickschnack.

Wäre da nicht dieser unbedingte Wille, Bedeutsames auszudrücken, man würde vielleicht nicht mehr so genau hinhören. Ein Phänomen, das den Aufstieg der Hamburger Band zur Nummer eins des deutschen „Diskurspop“ von Anfang an begleitet. Eine Blumfeld-Platte ist mehr als Musik. Sie wird Teil eines Referenzsystems, in dem sich niemand richtig auskennt. Selbst all jene nicht, die seit dem Debüt 1992 („Ich-Maschine“) mit jeder neuen Platte klüger, reifer, auch abgeklärter geworden sind. Wie geht es weiter?, fragt man sich. Wie intelligent traut sich die Band noch zu sein. In Interviews betont Distelmeyer derweil ungerührt, wie wenig sie sich verändert hätten. („Eigentlich haben wir das schon immer so gemacht.“)

So geistert auch die Formulierung „Jenseits von Jedem“ schon seit „L’Etat et moi“ (1994) durch Distelmeyers vertrakt-idiosynkratischen Textfluss. Und es wundert einen nicht, dass er mit dem Gedanken spielt, einmal ein Lied zu schreiben, das nur aus Bausteinen seiner eigenen Songs zusammengesetzt ist. Als ob das irgendwas beweisen würde. Außer, dass sich im Nachhinein alles ineinander fügt – wenn nichts für sich selbst spricht. Blumfeld-Texte sind Intimitätsfallen. So wie Filme von Jonas Mekas nur sehr plausibel glauben machen, sie würden Warhol von seiner privaten, ungeschützten Seite zeigen, so sind Distelmeyer-Songs simulierte Offenbarungen: „Ich fühle mich in Musik so gut aufgehoben, als bräuchte ich keinen Schutz mehr“, sagt er. Indem er seine existenziellen Ängste preisgibt, macht er sie zum Material einer poetischen Vision. „Aus Sternenstaub und Teil des Meers“, lautet eine seiner schönsten Zeilen, „Ergebnis der Gezeiten/ So kreisen wir schon länger hier/ Durch unbegrenzte Weiten/ Wir suchen was, das es nicht gibt/ Seit ein paar Ewigkeiten/ Für was mir fehlt schreib ich ein Lied/ Und greif in meine Saiten.“

Mangel, der nach Schönheit strebt. Distelmeyer ist ein Anhänger der großen, versöhnlichen Idee einer kosmischen Vernunft, die manchmal gefährlich weit ins Esoterische ragt. Dann werden Krankheiten zum „Weg“ und der Sänger hilft den Mutlosen mit Sätzen wieder auf die Beine wie: „Gib nicht auf – es kommt ein neuer Morgen/ Lass es raus – den Schmerz und Deine Sorgen/ Mach dich frei – von allen falschen Zwängen/ Nimm dir Zeit – und lern dich selber kennen.“ Das klingt gesungen nicht ganz so peinlich, wie es sich liest. Aber es ändert auch nichts an der in den Vordergrund drängenden Sentimentalität des Blumfeld-Universums. Wie weit kann man dieses Prinzip treiben, ohne dass plötzlich ein Schlager entsteht?

Mit der allmählichen Versanftung wird einem die konventionelle Dramatik der Musik schmerzlich bewusst. Die scharf angeschlagene, im Achteltakt durch elliptische Akkordfolgen jagende Gitarre erzeugt fast immer denselben vertraut-kompakten Klangstrom. Daran hat auch der Ausstieg von Bassist Peter Thiessen nichts geändert. Zum Trio geschrumpft (Michael Mühlhaus am Bass, Andre Rattay am Schlagzeug) besinnt sich die Band wieder auf Wesentliches: „Der Vorteil war“, sagt Distelmeyer, „dass wir gezwungen wurden, sehr eng am Material zu arbeiten. Die Dichtheit der Arrangements, das Einfache, entwickelt sich eben auch daraus, dass man zu dritt sehr nah am Song spielt. Entscheidungen werden nicht aufgeschoben, sondern sehr schnell und früh gefällt.“

Als die Band vor zwölf Jahren ihre erste Single „Ghettowelt“ aufnahm, war sie auch ein Trio. Nicht nur, dass und wie sie deutsche Texte benutzte, war ungeheuerlich. Sie sträubte sich gegen Refrains und benutzte Musik eher als Untermalung kryptischer Textmontagen. Auf der one and only „L’Etat et moi“-Platte gerieten die Blumfeld-Themen Mitte der Neunziger in einen wilden Zitatentaumel, erhob sich das konsumgeknechtete, postmoderne Ich, um als „Superstarfighter“ zu triumphieren. Mit „Old Nobody“ (1999) war man dann zu viert, eine Boygroup, und Popmelodien hielten Einzug. Viele haben der Band diesen Schwenk zu gefälligeren Tönen nicht verziehen, auch nicht, als zuletzt „Testament der Angst“ erschien, eine von scharfen Hasstiraden und Schmähreden geprägte Abrechnung mit der „Diktatur der Angepassten“.

Am auffälligsten ist die Wandlung des einstigen Deklamationsrhetorikers Distelmeyer zu einem Sänger, der Gefühle nicht nur beschreibt, sondern ausfüllt. Gefühle, die nie etwas mit Coolness zu tun haben. Allerdings auch mit Sex nicht (wann wird in den Stücken überhaupt mal miteinander geschlafen?). Liebe ist ein so abstrakt-transzendentes Vergnügen wie die Bergpredigt. Ohnehin ist Großmut in der Distelmeyerschen Welt eine Primärtugend. Für jeden findet er ein freundliches Wort, einem Pfarrer ähnlich, der auch die mit seiner Zuneigung beschenkt, die es nicht verdient haben, weil sie sich wegducken, wenn es Probleme gibt, weil sie mit der Strömung schwimmen, launisch und herablassend sind.

Selbst solchen Ellbogentypen, die am Ende „leer und ausgebrannt“ eine verpasste Zukunft beweinen, ruft Distelmeyer ein sympathisches „Ich grüße Dich und wünsch Dir Glück/ In der Wirklichkeit“ zu. Jeder muss am Ende selbst zusehen, wie er klarkommt.

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