Kultur : Fürsorgliche Belagerung

Krieg und Frieden (9): Städte wollen befestigt sein – das prekäre Verhältnis der Architektur zum Krieg

Falk Jaeger

Es war ein Krieg der Architekten, als König Demetrios, genannt der Städtebelagerer, 305 v. Chr. nach Rhodos kam, um die Inselhauptstadt zu erobern. Der König hatte den Athener Baumeister Epimachos im Gefolge, der ihm eine gewaltige Belagerungsmaschine zimmerte, 125 Fuß hoch, 60 Fuß breit, 360000 Pfund schwer. Doch auch die Rhodier boten ihren Architekten auf, Diognetos, der ihnen riet, durch ein Loch in der Mauer fleißig Wasser, Kot und Schlamm ins Terrain vor die Maschine zu gießen, worauf diese beim Anrollen im Morast stecken blieb.

Der römische Architekt und Schriftsteller Vitruv, der diese Geschichte erzählt, berichtet noch von weiteren Kollegen, durch deren Geschick die Städte Apollonia und Massilia gerettet wurden. Damals war es üblich, dass Architekten das Kriegshandwerk beherrschen; nicht umsonst widmete Vitruv einen halben Band seines berühmten Traktats „Zehn Bücher über Architektur" der Beschreibung von Kriegsmaschinen: von Skorpionen, Katapulten, Ballisten, Schildkröten und Belagerungstürmen.

Das Innere bitte heiter

Erst die Entwicklung der Waffentechnik im 19. Jahrhundert machte die architectura militaris, die Kriegsbaukunst, obsolet, nachdem sie lange gleichberechtigt neben der architectura civilis gestanden hatte. Bis dahin hatte der Bau von Befestigungsanlagen aller Art zum Aufgabengebiet jedes Baumeisters gehört. Prachtvolle Frontispize der Traktate des 16. und 17. Jahrhunderts zeigen Allegorien, die durch ihre Attribute – Kanone und Kugel, Mörser und Helm sowie Festungspläne einerseits, Messlatte und Zirkel sowie Gartenplan und Architekturmodell andererseits – diese Dualität verkörpern. Ein Barockbaumeister wie Balthasar Neumann, „Obrist, Wachtmeister der Artillerie, Ingenieur und Architect“, verstand sich sowohl auf die Kunst des Glocken- als auch des Kanonengießens, des Kirchen- wie des Festungsbaus.

Zerstörte Städte und Dörfer sind von alters her Inbegriff des Krieges. Diese Zerstörung ist gleichsam Gegenprogramm zum Aufbau in Friedenszeiten, der Architekt war für beides zuständig. Joseph Furttenbach suchte angesichts der Kriegsgräuel mit seinem 1640 in Augsburg verlegten Traktat „Architectura recreationis“ noch im Dreißigjährigen Krieg einen Friedensbeitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Die Immen, die sich in einem rostigen Helm eingenistet haben, waren ihm Symbol für die ersehnten ruhigeren Zeiten, in denen wieder Rathäuser, Schlösser sowie bürgerliche Wohnhäuser errichtet werden, Gärten vor allem, die er prächtig in Szene setzte. Dennoch war der Friedenswille angesichts der unsicheren Zeiten immer auch mit dem Streben nach Friedenssicherung durch eigene Stärke verbunden. Furttenbachs Gärten sind umfriedet mit Bastionen und Wassergräben. Die Tore der ansonsten schmucklos funktionsgerechten Bollwerke wiederum wurden prachtvoll mit ziviler Symbolik, mit Säulen, Wappen und allerlei Skulpturen geschmückt; eines der prächtigsten hat Hans Vredeman de Vries 1589 für Wolfenbüttel entworfen. Leo von Klenze, klassizistischer Baumeister in bayerischen Diensten, gestaltete mitfühlend die Außen-(Kriegs-)Seite der Feste Ingolstadt in wehrhafter Rustika, hingegen „das Innere etwas heiter, damit die Moral der Soldaten nicht durch gar so abschreckendes Aussehen leidet“.

Die Kriegskunst wurde verfeinert, der Festungsbau zur Wissenschaft oder wenigstens zur Weltanschauung. Theoretiker erdachten raffinierte Systeme von Gräben und Wällen, Bastionen, Ravellins, Hornwerken, Kurtinen, Galerien und Kasematten, sie erfanden Befestigungen nach italienischer und altniederländischer Manier, das Bastionärssystem und das altpreußische System. Der berühmteste Festungsbaumeister war zweifellos Marschall Sébastien LePrestre Marquis de Vauban (1633–1707), der nicht weniger als 33 neue Festungen und 300 Umbauten realisierte. Zwischendurch fand er noch Zeit, etwa 50 Belagerungen selbst zu befehligen.

Der Wettlauf zwischen Architekten und Waffentechnikern zwang schon im 18. Jahrhundert zu riesigen Anstrengungen der verantwortlichen Landesfürsten. Schon nahmen die Befestigungen mehr Fläche ein als die befestigten Orte selbst, und viele kleine, ältere Anlagen verloren ihre Bedeutung. Im 19. Jahrhundert schließlich – ab 1850 verfügte man über gezogene Geschütze, ab 1883 über Sprenggranaten – nahmen die Festungsanlagen groteske Züge an. 15 Kilometer Durchmesser in mehreren konzentrischen Linien maßen die Fortgürtel, doch die Städte wuchsen schneller, und ein neuer, stärkerer Feind tauchte auf: die Eisenbahn.

Galt es noch zu Kaisers Zeiten, Architektur für den Krieg zu bauen, die auch ordentlich gestaltet werden wollte, so hatten die Baukünstler mit dem 1. Weltkrieg kaum noch zu tun. Für die Festungslinien des Westwalls und der Maginot-Linie benötigte man nur noch Militärs und Ingenieuroffiziere, die ihre Aufgabe gewiss nicht in der harmonischen Komposition von Bauwerk und Landschaft sahen. Dabei kann der französische Philosoph Paul Virilio den Betonbastionen des Westwalls durchaus ästhetische Reize abgewinnen und versteigt sich gar zum Vergleich mit mittelalterlichen Kathedralen. An anderer Stelle betrachtet er den Bunker in einer Art privatistischer Bekleidungstheorie als modernen Harnisch.

Liebenswerte Feinde

Krieg und Architektur, das Verhältnis ist ein fatal einseitiges geworden. Kollateralschäden sind bei militärischen Operationen unvermeidlich, doch auch bewusste Zerstörung, Auslöschung von kultureller Identität liegt in der Natur des Krieges – im Großen, bei der Bombardierung Dresdens, wie im Kleinen, dem Beschuss des Brandenburger Tors während des Endkampfs um Berlin.

Der Krieg als Vater aller Dinge (Heraklit, um 500 v.Chr.): Vielleicht war er einmal auch Vater der Architektur. Aber ist er es noch immer? Die schwärmerische Huldigung an den Krieg, die Filippo Tommaso Marinetti 1909 im Futuristischen Manifest fasziniert vom Dynamismus der Kriegsmaschinerie an den Tag legte: „Wir wollen den Krieg preisen – diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörende Geste der Anarchisten ...“, hat sich kein Jahrzehnt später in den Schützengräben Lothringens erledigt.

Hygiene und Stadt, dieser Begriffszusammenhang wurde 1933 vom Internationalen Architektenkongress CIAM auf Anregung von Le Corbusier in der Charta von Athen postuliert: Durch offene Bauweisen sollten Licht, Luft und Sonne in die Städte kommen. Hans Scharoun hat ihn nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals aufgegriffen, als er von den Chancen des Neuanfangs in den zerbombten deutschen Städten sprach und, leicht zynisch, von der „mechanischen Auflockerung“ der Stadt durch die Bombenangriffe. Und 1963 erkannte Bazon Brock: „Liebenswerte Feinde ... wagten ihr Leben in den Bombenkanzeln, um die deutsche Architektur einer Korrektur zu unterwerfen. Sie lösten die Arroganz und den Stumpfsinn der hochdeutschen Städtebauer nach rückwärts auf in Staub und Schutt. Das war ein wahrhaft geglückter Schlag.“

Der Krieg als Protagonist der Architektur, der Krieg als Feind der Architektur, als Wegbereiter neuer Architektur. Zynisch oder nicht: Nutznießer waren die Architekten, denen der Krieg Arbeit verschaffte, so oder so.

Bisher erschienen in unserer Serie „Krieg und Frieden“: Theater (8.1.), Literatur (11.1.), Film (18.1.), Witz und Satire (24. 1.), Philosophie (8.2.), Popmusik (14.2.), Fotografie (25.2.), Klassische Musik (9.3.). Als Nächstes: Bildende Kunst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben