Kultur : Füttere mein fettes Ego!

Maxim-Gorki-Theater: Milan Peschel dramatisiert Sven Regeners West-Berlin-Ballade „Der Kleine Bruder“.

von
Foto: Joachim Fieguth

Es sind nicht nur die Röhrenjeans aus den Achtzigern schon seit ein paar Jahren wieder da (und die spitzen Schuhe!). Es kommen auch die Geschichten aus dem alten West-Berlin wieder.

– Ach, Inga!

– Mensch, Blixa. Fütter’ mein Ego!

– Ach, Inga. Das waren Zeiten!

Gerade hat zum Beispiel der West-Berlin-Veteran Bernd Cailloux mit „Gutgeschriebene Verluste“ einen wunderbaren (aber im Beharren auf die alten Legenden auch traurigen) Roman über das tolle Schöneberg und das noch tollere Café Mitropa Anfang der Achtziger geschrieben. Vor einem Jahr brachte die Schaubühne eine Bühnenversion der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ (die die hysterieanfällige BRD vor den krassen Zuständen im fernen West-Berlin mächtig hat gruseln lassen) auf die Bühne.

Nun bringt das Gorki-Theater den letzten Teil von Sven Regeners Lehmann-Trilogie, „Der Kleine Bruder“ ins Theater. Darin reist der 20-jährige Frank Lehmann im November 1980 aus Bremen, wo er der Bundeswehr dank eines fingierten Selbstmordversuchs entronnen ist, mit Punk-Kumpel Wolli nach West-Berlin und weiß erst mal nicht, ob er am Ende der Avus über den Wedding oder über den Kurfürstendamm nach Kreuzberg kommt. „Auf keinen Fall Wedding!“, schreit Wolli. Aber über den Konsum-Kudamm ins Hausbesetzer-Kreuzberg fahren, das ist ja auch krank. In Kreuzberg will Wolli seine Punk-Existenz durch den Einzug in ein besetztes Haus adeln, während Frank vor den piefigen Verhältnissen in Bremen bei seinem großen Bruder Zuflucht sucht, der in einer WG wohnt und als Schrott-Schweißer angeblich in der Kunstwelt eine große Nummer ist.

Der Gag des Buches: Der große Bruder ist gar nicht da, auch die mysteriösen Skulpturen bekommt Frank nie zu Gesicht. Dafür wird er ruckzuck Mitglied in der WG, zieht mit Nachtschattengewächsen durch Kneipen, Akropolis-Kaschemmen, Vernissagen und besucht Konzerte von Bands, bei denen die Musikanten „Dr. Votz“ und „P. Immel“ heißen. Diskutiert mit selbsternannten Künstlern des Arsch-Art-Kollektivs die Frage, wann was Kunst ist (wenn einer sagt, dass es Kunst ist und er einen findet, der ihm glaubt) und muss am Ende erfahren: Der bewunderte Bruder ist ein armer Tropf, der sich als Proband eines Pharmaunternehmens in einer geschlossenen Charlottenburger Medizin-Schlucker-WG ein paar klägliche Kröten verdient.

Der (zumindest theoretische) Witz der Inszenierung ist, dass der Ostler Milan Peschel sich der West-Sause angenommen hat. Aber er wollte im Westen nicht das faszinierend Fremde sehen, sondern nur das bekannte Zwillingsmilieu der Ost-Variante Prenzlauer Berg. Er fand also, was ohnehin auf der Hand liegt – nämlich Pappnasen und Lachnummern.

Sein Kreuzberg erweist sich als Kindergarten, als Zone der Bekloppten und Minderbemittelten, in der keinerlei Unterschiede gemacht werden und drei Stunden lang alles auf mittellustigen Slapstick hinausläuft. In den ersten Minuten – Michael Klammer als Wolli und Paul Schröder als Frank zuckeln in einer Blechkiste auf der ansonsten ziemlich leeren Bühne (Magdalena Musial) nach Berlin – wird mit der rausgebrüllten Aufgeregtheit zugleich noch eine Berlin-Erwartung geweckt.

„In-Berlin-Leben ist wie Tuba-Spielen“, gibt Wolli seinem Freund mit auf dem Weg: „Hauptsache, Du pupst laut rum“. Doch dann landet Frank in der WG, und der Bruder ist nicht da. Auch sonst ist die Enttäuschung groß. Die Kalauer kommen nur noch nach Vorschrift. Alle tragen scheußliche Glitzerklamotten oder Leoparden-Leggings, sitzen am „Plenums“-Tisch herum und stellen den damaligen Jargon aus, also die hundertmal gehörte Mischung aus einfühlsamer Empörung (du kannst uns doch nicht einfach rausschmeißen!!!) und aggressiver Gosse. „Halt’s Maul, Du Wichser“, ist fast das Einzige, was Regine Zimmermann zu keifen hat, die sich als schulschwänzende 17-jährige Göre in die Wohnung ihres Onkels eingeschlichen hat und unter Kajal-Kriegsbemalung kaum zu erkennen ist.

Den Onkel gibt Peter Kurth, mal öliger Kneipenbesitzer, mal Pantoffelheld, der vor seiner Freundin kuscht. Fehlt noch Ronald Kukulies als nassforscher Kunstposer Karl Schmidt. Die drei nehmen Frank gleich mit auf Tour, was Regisseur Peschel die Gelegenheit gibt, sich über schmale Krawatten tragende Synthie-Popper (Holger Stockhaus) und näselnde Galeristinnen in Strickkleidern (Sabine Weibel) lustig zu machen. Zwischendurch kommt Maike Rosa Vogel auf die Bühne, hebt schüchtern die Hand und spielt auf der Gitarre zum Beispiel ein Lied von Blondie, bevor sie abgeht und eine Viertelstunde später in neuem Plüschoberteil wieder erscheint. Wenn Holger Stockhaus hinter dem Keyboard zuckt, kommt für Minuten immerhin die Ungezwungenheit eines Retro-Fests auf. Figuren vorspielen macht bei einer Motto-Party vielleicht stundenlang Laune, füllt aber noch lange keinen Theaterabend.

Wieder am 5., 17. und 30.4.

0 Kommentare

Neuester Kommentar