Kultur : Fuge der Sinne

Barrie Koskys bewegender „Tristan“ in Essen

Christoph Vratz

Gibt es die Läuterung im Leiden? Nicht für den, der einen echten Liebestrunk intus hat. Und so steht Tristan in Unterhose und Bademantel, mit frisch vernähter Wunde, deren Verband er allmählich zu lösen beginnt, und zehrt sich aus. Wann endlich kommt Isolde? „Das Schiff? Siehst du’s noch nicht?“ Ein Kerl zwischen Verdammnis und Bedauern.

Barrie Kosky ist nach Essen zurückgekehrt, um Wagner zu inszenieren. Bereits im April hatte er am Aalto-Theater eine Interpretation des „Fliegenden Holländers“ vorgelegt, die das lokale Publikum auf die Barrikaden trieb, vor allem, weil er im berühmten „Steuermann“- Chor alle Sänger im Kostüm der Senta auftreten und sich gegenseitig Körperteile ausreißen ließ.

Der australische Regisseur, der in Berlin an der Komischen Oper für seine witzigen, geistsprühenden Produktionen von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ und Ligetis „Le grand macabre“ gefeiert wurde, macht „Tristan und Isolde“ in Essen mit kluger Beherztheit zum echten Gesamtkunstwerk: weil Musik und Regie Hand in Hand arbeiten. Ein perfekter Werbebote für die Kulturhauptstadt 2010. Stefan Soltesz, zugleich Chefdirigent und Intendant des Aaalto-Theaters, hat es geschafft, die Essener Philharmoniker zu einem ideal abgestimmten Klangkörper zu formen. Mag er ein Pedant in den Proben sein, spätestens am Premierenabend hat sich alle Fron gelohnt. Bestens gestaffelt fügen sich Bläser und Streicher zu einem wundervollen Miteinander.

Erstaunlich auch, dass das Essener Theater inzwischen in der Lage ist, eine Oper wie diese mit eigenem Personal zu stemmen – mit Ausnahme der Isolde. Evelyn Herlitzius triumphiert, weil sie sich einfügt, weil sie die Fähigkeit hat, flutend mit dem Orchester eine Einheit zu bilden und ihren Gesang auch darstellerisch mit totaler Rollenidentifikation aufzuwerten.

Und Kosky? Er deutet den Tristan als eine „Fuge der Sinne“, als ein zutiefst menschliches Drama in Beckett’scher Endzeitstimmung. Sein Bühnenbildner Klaus Grünberg verortet das Geschehen in aktweise kleiner werdenden Räumen. Eine bedrückende Enge wird spürbar, Freiheit gewinnt der Mensch erst im Tod. Dazu im zweiten Akt ein silbrig glänzender Quadratraum, der sich während des großen Liebesduetts um die eigene Achse zu drehen beginnt. Raum und Zeit als Pendel zwischen Begrenzung und Ewigkeit. Wen interessiert da noch Läuterung, selbst wenn der Schmerz unerträglich scheint? Essen ist im Fußball Provinz, in der Oper Champions-League- tauglich.

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