Kultur : "Functional Food": Das schlucken wir - Lebensmittel mit Extras liegen im Trend

Maren Peters

Der moderne Mensch isst anders. Morgens ein biologisch-dynamisches Vollkorn-Müsli, mittags eine Currywurst und abends ein Menü im Gourmet-Restaurant - für die meisten schließt sich das nicht aus. "Prototypen gibt es nicht mehr", sagt Helmut Oberritter von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Schon ein Drittel aller Mahlzeiten werden heute außer Haus verzehrt, die Hälfte davon als "Fast Food" auf dem Weg zur Schule oder Arbeit eilig in den Schlund geschoben, wie eine Studie im Auftrag der Centralen Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft zeigt. Und selbst, wenn wir zu Hause kochen, gilt dasselbe wie im Internet-Startup: Geschwindigkeit ist alles. Tüte auf, umrühren, fertig. "Hauptsache, es ist bequem und geht schnell", sagt Oberritter.

"Convenience Food" ("bequemes Essen") hat die Lebensmittelindustrie diese Produkte getauft, die Zeit und Mühe sparen. Dazu zählen Fertiggerichte und Tiefkühlkost. "Pro-Kopf-Verbrauch und Umsatz sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen", sagt Susanne König vom Deutschen Tiefkühlverband. Auch in der Kühltruhe geht der Trend zur Öko-Kost.

Was nach dem schnellen Essen trotzdem bleibt, ist ein schlechtes Gewissen. Doch auch dafür hat die Branche eine Lösung gefunden: "Functional Food". So heißen Lebensmittel, die neben dem Ernährungswert auch einen gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen, weil ihnen Vitamine, Mineralstoffe oder bestimmte Bakterienkulturen zugesetzt sind. Auch deutsche Supermärkte sind inzwischen voll davon. In den Kühltheken buhlen bunte Joghurtbecher namens LC 1, Actimel oder Pro 3 mit Yakult-Trinkjoghurt und A-C-E-Säften um die Gunst des Kunden. Ein paar Regale weiter locken cholesterinsenkende "Becel pro aktiv"-Margarine und Omega-3-Eier.

"Je mehr die Menschen das Gefühl haben, falsch zu essen, desto stärker versuchen sie, ihr Gewissen mit funktionellen Lebensmitteln zu beruhigen", sagt Helmut Oberritter von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Der Traum vom Essen ohne Reue beschert der Nahrungsmittelindustrie schöne Perspektiven. Auf 60 Milliarden Dollar schätzen die Branchenbeobachter von Arthur D. Little das jährliche Marktvolumen weltweit - "Functional Food" gilt heute als hoffnungsvollster Trend der Zukunft.

Gerade fünf Jahre ist es her, dass Nestlé mit LC 1 den ersten probiotischen Joghurt auf den deutschen Markt brachte, inzwischen gibt es zahlreiche Nachahmer. Der Joghurt, deutlich teurer als Standard-Produkte, soll - so werben die Hersteller - die Darmflora positiv beeinflussen und die Immunabwehr stärken. Ob er das tatsächlich tut, ist wissenschaftlich nicht belegt. "Mag sein, dass probiotische Joghurts die Mikroflora unterstützen", sagt der Bonner Ernährungswissenschaftler Peter Stehle. "Aber das tun normale Joghurts auch." Umgekehrt schließt der Forscher nicht aus, dass funktionelle Lebensmittel gerade in Kombination mit anderen Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminpillen oder Mineralkapseln sogar schädlich wirken können - vor allem bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Der effektive Nutzen und die Risiken bleiben umstritten.

Die meisten Verbraucher schert das wenig. Nach einer Studie des Lebensmittelherstellers Nestlé finden mehr als die Hälfte aller Deutschen es gut, wenn Produkte mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sind, nur 24 Prozent lehnen das ab. Bei den unter 30-Jährigen ist die Zustimmung mit über 60 Prozent sogar noch deutlich höher. Der Marktanteil des probiotischen Joghurts lag nach Angaben einer Nestlé-Sprecherin im vergangenen Jahr insgesamt bei rund 20 Prozent, das entspricht einem Umsatz von 500 Millionen Mark. "Die Werbung funktioniert schon sehr gut", sagt Ernährungswissenschaftler Stehle.

Noch konzentriert sich das Angebot an "Functional Food" hier zu Lande hauptsächlich auf Milchprodukte. Andere Länder sind wesentlich weiter. In Japan etwa, wo funktionelle Lebensmittel schon seit 50 Jahren verkauft werden, und den USA sind schon heute Erdnussflips mit Ginseng, die munter machen, Schokolade gegen Herzinfarkt und Ketchup gegen Prostatakrebs im Angebot. Anders als in Japan gibt es in der EU ein "Verbot gesundheitsbezogener Werbung" auf Produktverpackungen. Nur wenn dieses strikte Verbot gelockert werde, heißt es in einer Studie der DG-Bank, könne über eine bessere Aufklärung der Verbraucher das brachliegende Potenzial konsequent erschlossen werden.

Doch so aufgeschlossen der deutsche Verbraucher neuen Trends gegenüber ist - einer hat sich bislang nicht durchsetzen können: Gen-Food. Jeder zweite deutsche Verbraucher ist nach einer GfK-Umfrage "unter keinen Umständen bereit", genmanipulierte Lebensmittel zu sich zu nehmen. Der "Butterfinger", von Nestlé Ende 1998 als erster Schokoriegel mit genmanipuliertem Mais auf den deutschen Markt gebracht, war ein Flop. Händler räumten ihn nach wenigen Wochen aus den Regalen - und verzichten seitdem ganz darauf, Gen-Food anzubieten.

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