Kultur : "Functional Food": Zurück aus der Zukunft

Michael Streck

Bis vor kurzem war es Amerikanern egal, ob ihre Cornflakes aus dem Gen-Labor kamen. Munter aßen sie immer mehr Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Zutaten enthielten. Der Umsatz mit Gen-Pflanzen stieg rasant. Die Anbaufläche wuchs auf 44 Prozent aller bewirtschafteten Felder in den USA. Und der Marktanteil von Mais- und Sojasorten mit künstlich eingebauten Schädlingsresistenzen beträgt bereits 60 Prozent.

Doch im Herbst 2000 wurde der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch der grünen Gentechnik gestoppt. Schuld war Starlink, eine Maissorte der Firma Aventis. Ihr wurde ein Protein eingebaut, das Insekten abtöten soll. Ein Forschungsinstitut hatte im September herausgefunden, dass Tacos einer Fastfood-Kette diesen Gen-Mais enthalten. Er ist nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen, sondern nur zur Tierfütterung. Wissenschaftler wissen bisher zu wenig über seine Allergien auslösende Wirkung. Bei weiteren Tests wurde Starlink in 300 anderen Taco-Produkten nachgewiesen. Lebensmittelhersteller starteten daraufhin eine in den USA einmalige Rückrufaktion ihrer Waren aus den Supermärkten. Die Getreide verarbeitende Industrie ging in die Offensive. So erklärte die Budweiser Brauerei aus St. Louis, jetzt und in Zukunft keine gentechnisch veränderten Zutaten für die Bierproduktion zu benutzen.

Biotech-Firmen riefen eine millionenschwere Werbekampagne ins Leben, um die Verbraucher zu überzeugen, dass die in der Landwirtschaft angewandte Gentechnik sicher ist. Das Ausland zeigt sich wenig beeindruckt. Die US-Exporte von Mais nach Japan und Europa gingen stark zurück. Das Starlink-Fiasko ist ein herber Rückschlag für die Biotechnologie. Viele Bauern in den USA waren auf Gen-Saatgut umgestiegen, denn sie hofften auf höhere Erträge und geringeren Einsatz von Pestiziden. Nun tendieren sie wieder dazu, ausschließlich herkömmlichen Mais anzubauen. Technisch ist es viel zu aufwändig, die konventionelle von der gentechnisch veränderten Ernte vollständig zu trennen - und das verlangen Händler und Importländer. Der Anteil von Gen-Mais bei der Ernte 2000 ist daher im Vergleich zum Vorjahr von 37 auf 25 Prozent gesunken.

Anders bei Gen-Soja. Hier gab es auch 2000 Zuwächse. Doch wenn die EU-Staaten beschließen sollten, neben der Kennzeichnungspflicht für gentechnisch manipulierte Lebensmittel auch eine für Tierfutter einzuführen, wäre dies ein klares Signal an die Bauern in den USA, sagt Alexandra Baier vom Öko-Institut in Freiburg. Sie müssen in den kommenden Wochen entscheiden, welche Pflanzen sie anbauen und könnten sich gezwungen sehen, auch bei Soja wieder auf herkömmliche Saaten zurückzugreifen. "Dieses Jahr wird es kaum Zuwächse bei Gen-Pflanzen geben", glaubt Baier.

Monsanto, der wichtigste Hersteller von Gen-Saaten, gibt sich derweilen gelassen. Die Debatte um Starlink und die unsicheren Exportmärkte könnten die Zukunft der grünen Gentechnik nicht gefährden. "Die Entwicklung einer neuen Pflanzensorte kann bis zu zehn Jahre dauern, und wer weiß, wie dann die Stimmung der Verbraucher ist", sagt PR-Manager Gary Barton.

Dennoch zog Monsanto Konsequenzen: Der Verkauf von Gen-Mais bleibt 2001 an Farmer beschränkt, die nicht für den Export produzieren. Zudem wurde die Vermarktung einer neuen Sorte auf 2002 verschoben. Die Firma versprach außerdem, keine menschlichen Gene in Pflanzen einzubauen, die für die Nahrungskette bestimmt seien.

"Letztlich entscheidet der Markt. Unsere Bauern müssen sehen, dass sie ihre Ware verkaufen", meint Gary Goldberg von der American Corn Grower Association. Bleiben Europäer und Japaner bei Gen-Food weiter skeptisch, könnten sich die Bauern bald ganz von der Gentechnik abwenden.

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