Fundstücke: Michail Ossorgin : Der Kuckuck und die Maus

Lange vergessen waren die Romane von Michail Ossorgin. Seine Romane spielen vor dem Ersten Weltkrieg, als Flüchtling ging er nach Berlin.

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Cover des Buches
Cover des BuchesFoto: Promo

Manche Buchanfänge sind berühmt. Schon wegen ihres ersten Satzes. Der wohl legendärste erste Satz des 20. Jahrhunderts ist natürlich: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Im Grunde ist das keine besondere Mitteilung. Doch in Franz Kafkas „Process“ ist der Grund ein Abgrund.

Ziemlich berühmt ist auch dieser Anfangssatz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ So beginnt Tolstois „Anna Karenina“. Im Jahr 1928, exakt fünfzig Jahre nach Tolstois Roman, veröffentlicht der russische Journalist Michail Ossorgin (der Künstlername eines exilierten Kleinadligen) seinen Erstling „Siwzew Wrashek“ in einem Pariser Emigrantenverlag. Als „Roman aus Moskau“ erscheint das Buch ein Jahr später auch auf Deutsch. Die titelgebende kleine Straße Siwzew Wrashek liegt nicht weit vom viel bekannteren Arbat. In ihr hatte mal der junge Tolstoi gewohnt, auch die Poetin Marina Zwetajewa, und später lässt Boris Pasternak dort Teile des „Doktor Schiwago“ spielen.

Michail Ossorgin freilich und sein Roman waren lange vergessen. Der Autor ist 1942, auf der Flucht vor den Deutschen, in einem Dorf in Zentralfrankreich gestorben. Einen Wikipedia-Eintrag hat er nicht. Doch jetzt ist Michail Ossorgins „Eine Straße in Moskau“, neu übersetzt und gut kommentiert von Ursula Keller, erschienen in der von Christian Döring in Berlin herausgegebenen Edition „Die andere Bibliothek“ (Berlin, 2015, 527 Seiten, 39, 50 €). Die Entdeckung eines Autors vom Rang vielleicht eines Michail Bulgakow.

Sein Roman spiegelt die russische Lebenswelt vom Vorabend des Ersten Weltkrieges, im Frühjahr 1914, bis wiederum zum ersten Schwalbenflug des Jahres 1920. Dazwischen Krieg, Revolution, Bürgerkrieg, Verfolgungen, Tod durch Hunger, Typhus und Terror – aber zugleich die Versuche eines Vogelkundeprofessors (darum Schwalbenforschers) und seiner halbwüchsigen Enkelin, einen Rest bürgerlicher Kultur im eigenen gastfreundlichen Haus zu bewahren. Und in diesen Mikrokosmos, der den Fokus eines großen, großartigen Panoramas der russischen Hauptstadt und Gesellschaft bildet, zieht einen gleich der erste Satz.

„600 000 Flüchtlinge aus dem einstigen Zarenreich“

„In der Unendlichkeit des Weltalls, im Sonnensystem, auf der Erde, in Russland, in Moskau, in einem Eckhaus der Straße Siwzew Wrashek saß in seinem Arbeitszimmer im Lehnstuhl der Ornithologe Iwan Alexandrowitsch.“ Es folgt der Einfall eines Lichtstrahls auf des Professors Papiere, auf die Abbildung eines Kuckuckskopfes. Dabei denkt der Gelehrte an die Volksweisheit, dass man noch so viele Jahre zu leben habe, wie der Kuckuck ruft. Dieser Anfang gleicht einer modernen Kamerafahrt, einem Zoom von Google Earth. Vollkommen realistisch und märchenhaft in einem. Also ruft der Kuckuck aus der Abbildung heraus (wie bei „Harry Potter“), und als der Professor zu Bett geht, wechselt die Perspektive erneut: Wir sehen die Welt nun mit den Augen einer aus dem Bücherschrank huschenden Maus.

Viel später dann, im Nachrevolutionswinter 1919 der Anblick eines säulengezierten Hauses im Schnee: „Ein Dach hatte es nicht mehr. Auch die Mauern waren bis zur Hälfte niedergerissen, einzig die Säulen waren unversehrt. Das Dahinsterbende, Behagliche, Adlige, Überlebte. Am Tor stand noch zu lesen: ,Dienstbotenklingel'. Der Schnee im Garten lag hoch, weiß, rein.“ Die Schilderung ist schlicht. Aber schlicht meisterlich, weil das stille Bild über alle Zeiten spricht.

Übrigens: Dieser Michail Ossorgin, von Lenin mit anderen Intellektuellen 1922 des Landes verwiesen, kam, bevor er nach Paris weiterzog, als Flüchtling zuerst nach Berlin. Wie so viele Russen, nicht nur Vladimir Nabokov. Die Übersetzerin Ursula Keller bemerkt dazu in ihrem Nachwort, dass in den Jahren 1922/23 „600 000 Flüchtlinge aus dem einstigen Zarenreich“ nach Deutschland kamen. Und davon landeten allein schon 300 000 in Berlin. Innerhalb eines Jahres. Fern und nah.

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