Kultur : Funken der Leidenschaft

Steffen Richter

über sizilianische Hinterzimmer und Dornenworte Hört man vom „Fest der Paten“, denkt man unwillkürlich an einen opulent gedeckten Tisch im Hinterzimmer eines sizilianischen Restaurants. Nino und Giuseppe tragen dunkle Sonnenbrillen. Sie prosten sich zu. An der Tür stehen zwei finster blickende Herren mit dicken Wummen unterm Jackett. – Falsch. „Das Fest der Paten“ ist keine Mafia-Zusammenkunft. Es ist auch kein Ostalgie-Treffen, bei dem ehemalige Schüler der Ernst-Thälmann-Oberschule mit ihrer Patenbrigade vom VEB Vorwärts über die guten alten Zeiten und die Normerfüllung plaudern. Nein, gefeiert werden hier poetische Patenschaften.

In den letzten drei Jahren hat Britta Gansebohm beim Internationalen Literaturfestival ein mustergültiges Betreuungssystem organisiert: 150 Berliner Schriftsteller begleiteten ihre Gäste aus Lateinamerika, Indonesien oder Afrika durch die Stadt. Weil sie sich zuvor mit den Werken ihrer „Patenkinder“ beschäftigt hatten, konnten sie ihnen auf Podiumsdiskussionen kluge Fragen stellen. Nun dürfen wir den Paten kluge Fragen stellen, am 9.7. in Britta Gansebohms Literarischen Salon im Podewil (Klosterstr. 68). Bevor es dort zum Tanz mit DJ Max Mood kommt, lesen die jungen Autorinnen und Autoren Nina Jäckle, Tolya Glaukos, Tanja Langer, Pol Sax, Moon Suk, Michael Ebmeyer und Susanne Fengler aus ihren Texten (20 Uhr). Vor allem Nina Jäckle („Noll“, Berlin Verlag) und Tanja Langer („Der Morphinist“, Luchterhand) haben bereits beachtliche Literatur vorgelegt.

An den Sätzen eines anderen Paten-Autors strandete ich kürzlich beim Navigieren durch die Untiefen des World Wide Web: „Wir orgasmieren wie Walküren, dann gründeln wir dahin im Schaum unserer Tage. Was sind wir arglos und sorglos.“ Hm. Offenbar ist hier von einer zeitgemäßen Sonderform der unsterblichen Boy-meets-girl-Geschichte die Rede. So also sehen schöne warme Gefühle aus, wenn sie online gehen. Wehmut befällt das Herz. Was war die Liebe doch einmal für eine subtile Angelegenheit! „Ihr Blik wollte so viel sagen, das ich doch nicht verstand, und wenn sie bemerkte, dass ihr Blik mir nicht entgangen sei, so wurde sie mit einer sanften Röthe überzogen.“ So schrieb vor gut zwei Jahrhunderten der 15-jährige Clemens Brentano in einem Brief über seine zärtliche Zuneigung zu einem Wesen namens Ännchen oder Nannchen. Diesem Mädchen verdanken wir Brentanos erst kürzlich veröffentlichtes Debüt als Liebeslyriker: „Im achten Jahre sah ich sie/ zum erstenmal (ich liebte früh)/ gleich riß der Liebe Taumelsinn/ mich in den süßen Stürmen hin.“ Von „der Liebe Taumelsinn“ wurde der große Romantiker noch des Öfteren ergriffen. Ob die Angebetete Sophie Mereau hieß, Auguste Bußmann oder Luise Hensel – immer hat Brentano aus dem Funken seiner Leidenschaften poetisches Kapital geschlagen. Man denke nur an die Ballade von der „Lore Lay“, die in Heines späterer Version in unsere Schulbücher Einzug hielt.

Über Brentanos Frauenbeziehungen kann man sich noch bis zum 11. Juli im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf informieren (am Wochenende 14–16 Uhr). Mit Erstdrucken und Handschriftenfaksimiles dokumentiert die Ausstellung „Auf Rosen und Dornen hingesunken?“ den Konnex zwischen Eros und Poesie bei Brentano. Und das in einer Umgebung, wie man sie sich poetischer kaum vorstellen kann.

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