Kultur : Furien des Friedens

Vom rasenden Stillstand, den Zeitkritiker in den letzten Jahren so oft beschworen haben, ist nur noch wenig zu spüren. Sogar die Propheten der virtuellen Geschwindigkeit, allen voran ihr französischer Guru Paul Virilio, haben seit dem 11. September erkannt, dass es außer Science Fiction und Cyberspace noch immer die real existierende Wirklichkeit gibt. Manche Menschen, die nicht ganz im Luxus und den intellektuellen Moden leben, hatten daran übrigens nie gezweifelt.

Das Ende der Geschichte ist auch nicht gekommen. Dafür passiert die Politik immer schneller. Niemand hätte ja vor einer Woche mit dieser Woche gerechnet. Nicht mit dem Fall der Taliban in Tagen und Stunden, auch nicht mit einer Vertrauensfrage des Kanzlers und der absurden Situation, dass der von den Bundeswehreinsatzgegnern mit "Weltkriegsgefahren" und ungeheuren zivilen Opfern ausgemalte Streit-Anlass zum Zeitpunkt der Abstimmung schon wieder als Relikt einer Gespensterdebatte erschien.

Grotesk - und unfreiwillig komisch - wirkt auch der "Stern" dieser Woche. Sein Titel war schon verglüht, als das Magazin am Donnerstag erschien. 15 Bekenner-Köpfe, darunter zwölf Lächler, und die Schlagzeile "Deutsche Prominente ..." - es sah aus wie damals, als es hieß "Ich habe abgetrieben!". Aber neben Nena und Antje Vollmer lächelt jetzt der alte Walter Jens, und neben Alice Schwarzer lächeln Lothar-Günther Buchheim, der Pirat, und Tobias Könzel, der "Prinz", das ist was anderes. "Stoppt diesen Krieg!", fordern sie und noch 30 andere, von Kroetz und Hochhuth über Hagen (Nina + Cosma Shiva), Schlingensief und Wecker bis zu Rolf Wischnath ("53, Generalsuperintendent Cottbus"). Alle meinen es gut und lächeln ernst: "Ich bin gegen diesen Krieg, weil es nicht gerechtfertigt sein kann, dass man, um einen Terroristen zu fangen, ein ganzes Volk zerstört." (Ottfried Fischer, 48, Schauspieler).

Es ist, glücklicherweise, anders gekommen. Ein Volk wird befreit. Wo aber sind nun auf unseren Straßen, Podien, Plätzen die Freudenkundgebungen? Wie es aussieht, ist die Erleichterung mancher Friedensfreunde ziemlich kleinlaut oder gar mit klammheimlicher Enttäuschung gepaart. Der selbstgerechte und zugleich naiv anmaßende Ton, in dem die deutsche, europäische, amerikanische Politik nicht nur im "Stern" und in zahlreichen Resolutionen der letzten Tage angeklagt wurde, er läßt jedenfalls ahnen, wieviel Rechthaberei (neben schier unglaublicher Naivität) durch die ersten Erfolge des Antiterror-Kriegs getroffen wurde. Und die Realität ist schneller und sogar besser als alle Vorhersagen. Das erinnert zugleich an Enzensbergers Bonmot: dass der Unterschied zwischen "modern" und "modern" oft nur eine Frage der Betonung ist.

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