Kultur : Furien des Siegs

Sechs Star-Fotografen in der Tammen Galerie

Kai Müller

Es gibt ein Bild von Micha Bar-Am, dem israelischen Magnum-Fotografen, das ihn vor einem Armee-Jeep unweit des Suez- Kanals zeigt. Im Hintergrund sieht man die Gerätschaften einer Raketenstellung. Es ist 1973, das Jahr des Jom-Kippur-Krieges. Bar-Am sieht genau so aus, wie man sich einen war correspondent der „New York Times“ vorstellt: staubige Klamotten, verwegener Vollbart und um den Hals baumeln mehrere Kameras. Damals stand Israel, wo der gebürtige Berliner seit 1936 lebte, am Rande des Abgrunds, nachdem Syrien und Ägypten einen Überraschungsangriff gestartet hatten. Bar- Am schoss Fotos, die den Triumph der israelischen Militärstrategie nicht als heroischen Sieg darstellen. Auf einem Lastwagen sieht man, wie Kriegsgefangene mit zusammengeschnürten Handgelenken abtransportiert werden, die Köpfe geneigt, der gekrümmte Rücken verrät, wie unabwendbar sie ihre Niederlage empfinden. Bar-Ams Aufnahmen kehren den Krieg ins Metaphorische.

Zwanzig seiner grandiosen und trotz des Kriegslärms auffällig schweigsamen Bilder sind derzeit in der Kreuzberger Galerie Tammen zu sehen (Stückpreis: 2200 Euro) – eine Entdeckung. Zwar ist Micha Bar-Am, der seit 1950 im Nahen Osten mit – zunächst geliehenen – Kameras arbeitet, kein Unbekannter. Aber dass sein Werk zu den bedeutenden Reportageleistungen der Fotografie zählt, wird erst im Verbund mit den historischen Vorläufern Robert Capa und Jewgeni Chaldej, mit seinem Zeitgenossen Robert Lebeck und auch im Hinblick auf die jüngere Fotografen-Generation sichtbar, aus der Abe Frajndlich und Ernst Volland die Gruppenausstellung „Eyes of Time“ komplettieren. In ihr, die auch einem Museum zur Ehre gereichen würde, finden sich aus drei Phasen der Fotografiegeschichte je zwei exponierte Vertreter, die sich auf ihre Weise mit dem Medium als ikonografischem Instrument beschäftigen.

Zu den Pionieren der Bildreportage zählt vor allem Capa. Seine Bild von Trotzki bei einer Rede in Kopenhagen 1932 (unverkäuflich) gibt den Gestus vor, mit dem der gebürtige Ungar sich in einer konfliktreichen Welt positioniert. Das wird umso deutlicher im Vergleich mit dem sechs Jahre älteren Russen Chaldej. Als Militärfotograf inszenierte er den Vormarsch der Roten Armee unter dramatischen Himmeln. Seine Aufnahme vom Reichstag, über den die Bomberstaffel hinwegdonnert (6000 Euro), sagt: Wer die Lüfte dominiert, beherrscht die Menschen. Diesem Pathos ist auch Chaldejs berühmteste Kriegsikone verpflichtet, der Augenblick, da über dem noch umkämpften Reichstag die sowjetische Fahne gehisst wird (1000 bis 1900 Euro). Doch schon hier schleicht sich in den dokumentarischen Gestus die Lüge ein: Das Bild wurde nachgestellt.

Von Erhabenheit ist in den Blicken von Lebeck und Bar-Am auf die Turbulenzen ihrer Zeit zwanzig Jahre später erst recht nichts mehr zu spüren. Kriege sind ein in jedem Fall erniedrigendes Unterfangen, sagen Bar-Ams Studien, die in ihrer barocken Theatralik ohne jede Hoffnung sind. Daneben wirken Lebecks Aufnahmen vom Bonner politischen Parkett, seine Porträts der Callas, von Hitchcock, Romy Schneider und Grass beinahe zierlich. Doch auch sie entstanden in dem unerschütterlichen Glauben, dass Fotos die Wahrheit sagen.

Das glauben Frajndlich und Volland, beide 1946 geboren, nicht mehr. Der eine ein renommierter Porträt-Stilist, der virtuos mit dem Verstellungspotenzial seiner Stars hantiert, der andere ein Blender in dem Sinne, dass er historische Vorlagen wie den schwimmenden Mao zu großformatigen, aber unscharfen Erinnerungsmonumenten verarbeitet. Das Foto löst sich nicht in seine Pixel auf, sondern in die Vorstellung, die wir von ihm schon im Kopf haben.

Eyes of Time, Eyes of Time, bis 15. August, Friedrichstr. 210 (am Checkpoint Charlie), Kreuzberg

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben