Kultur : Furiose Blicke

MARKUS KRAUSE

Soviel Nolde war nie.Allein neun Aquarelle und ein Ölbild des norddeutschen Expressionisten zählt der erste Katalog der Villa Grisebach auf, der die ausgewählten Werke der bevorstehenden Herbstauktion enthält.Dazu kommt wie immer das auf zwei weitere Kataloge verteilte Gros des Angebots und, nach der glänzenden Premiere im Sommer, die Fotoauktion, der ebenfalls ein eigener Katalog gewidmet ist.Was die bildende Kunst betrifft, so liegt die Stärke des Angebots auch diesmal wieder beim Expressionismus, während die Kunst nach 1945 eher bescheiden bestückt ist.In der Klassischen Moderne finden sich jedoch so viele hervorragende Werke, daß das Ungleichgewicht dem Gesamtbild keinerlei Abbruch tut.

Beim Impressionismus sind es zwei Arbeiten, die durch ihre malerischen Qualitäten bestechen: zum einen Lesser Urys "Sonnenuntergang über den Dächern am Nollendorfplatz", das vermutlich den Blick des Künstlers aus dessen Atelier wiedergibt (1931, Schätzpreis bis 150 000 DM), zum anderen Lovis Corinths spätes "Selbstporträt am Walchensee" von 1922, ein furioses Stück Malerei, bei dem sich das unmittelbar an die vordere Bildebene gerückte Gesicht unter den Pinselhieben fast aufzulösen scheint.Das aus amerikanischem Privatbesitz stammende Gemälde, das lange als verschollen galt und bei der großen Retrospektive vor einigen Jahren im Alten Museum nicht zu sehen war, besitzt eine Taxe um eine Million Mark und ist damit das teuerste Stück der zweitägigen Veranstaltung.

Aber auch zahlreiche andere Preise können sich sehen lassen: Erstaunlich viele Werke bewegen sich diesmal im Bereich um und über einer halben Million Mark - ein vielversprechendes Zeichen für die zunehmende Magnetwirkung des Kunstmarkt-Standortes Berlin? Emil Noldes dunkelrot-giftgelbe Wolkenlandschaft über der flachen Marsch (800 000 DM) gehört ebenso hierzu wie Pechsteins recht dekoratives Frauenbildnis mit "Javanischem Schal" von 1920, das mit 600 000 DM genauso hoch geschätzt ist wie dessen acht Jahre zuvor gemalten "Kurenkähne in der Bucht".Kurt Schwitters glänzt mit der hervorragend erhaltenen "7.Abstrakten Komposition", einem der seltenen Ölbilder des Künstlers aus den 20er Jahren, das in seiner Entstehungszeit 350 Mark kostete und nun auf mindestens 400 000 DM hoffen läßt.Nicht unerwähnt bleiben darf auch Feiningers farblich zurückhaltender "Pulverturm I" aus dem Jahr 1927, der den Vergleich mit vielen seiner Bilder, die jüngst in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt waren, nicht zu scheuen braucht (700 000 DM).

Und die Fotografie? Der Markt boomt, und davon profitiert auch die Villa Grisebach.Das Angebot, das vorwiegend aus den 20er bis 50er Jahren stammt, ist nicht nur umfangreicher als beim Debüt vor einem halben Jahr, auch qualitativ hat es zugelegt.Auffällig die zahlreichen Porträtfotos berühmter Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst: Lotte Jacobi blickte auf Käthe Kollwitz (1929, bis 2500 DM), Hugo Erfurth auf Max Liebermann (1917, bis 3000 DM), Josef Albers fotografierte Walter Gropius (1930, bis 6500 DM), und von Jacob Hilsdorf stammen die elf Porträts des alten, etwas ungnädig dreinblickenden Adolph von Menzel, die bei Grisebach als Konvolut angeboten werden und die Erwartung von zusammen 30 000 DM vermutlich durchaus übertreffen können.

Beeindruckende und schöne Vintage-Prints stehen ferner zum Beispiel von Ansel Adams, Josef Breitenbach, Raul Hausmann, Germaine Krull, Herbert List und Umbo zur Verfügung.Vielleicht das schönste Foto stammt jedoch von Heinz Hajek-Halke: Überaus artifiziell in der Komposition, dabei von klassischer Anmut, stehen sich auf der Belichtungsmontage "Torso" (1932, 3600 DM) ein weißer (Positiv) und schwarzer (Negativ) weiblicher Akt spiegelbildlich gegenüber.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, Auktion am 27./28.November, Vorbesichtigung Sonntag bis Dienstag 10-18.30 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr, Donnerstag 10-17 Uhr; vier Kataloge zusammen 110 DM.

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