Fusion der SWR-Rundfunkorchester : Geteiltes Lied ist halbes Lied

Finale im Ländle: Die beiden SWR-Orchester fusionieren - allen Protesten zum Trotz. Offene Stellen werden gestrichen, alte bleiben unbesetzt. Die wichtige Frage nach dem Profil des neuen Orchesters bleibt offen.

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Das weltweit geschätzte SWR-Orchester Freiburg und Baden-Baden bei einem Auftritt bei den Donaueschinger Musiktagen.
Das weltweit geschätzte SWR-Orchester Freiburg und Baden-Baden bei einem Auftritt bei den Donaueschinger Musiktagen.Foto: SWR/Zoch

Manchmal liegen Geburtstag und Beerdigung eng beieinander. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg wird der Südwestrundfunk Anfang Mai ein kleines Festival veranstalten, mit fünf Konzerten und einem Empfang im Freiburger Konzerthaus. Schon wenige Monate danach aber wird dieses Orchester Geschichte sein, weil es mit dem Radiosinfonieorchester Stuttgart fusionieren muss, zwangsweise.

Auf was soll man im Mai also anstoßen? Lange haben besonders die Freiburger Musikerinnen und Musiker zusammen mit ihrem mutigen französischen Chefdirigenten François-Xavier Roth sowie dem rührigen Freundeskreis des Orchesters um einen Erhalt des insbesondere für seine Kompetenz auf dem Gebiet der Neuen Musik bekannten Ensembles gekämpft, das in den letzten Jahren Stammgast beim Musikfest Berlin war. Doch die von Hörfunkdirektor Bernhard Hermann 2012 aus Spargründen ins Spiel gebrachte, von Intendant Peter Boudgoust gegen großen öffentlichen Protest durchgesetzte und vom Rundfunkrat abgesegnete Fusion der beiden etwa gleich großen Spitzenorchester (mit jeweils rund 95 Stellen) aus Freiburg/Baden-Baden und Stuttgart war nicht aufzuhalten.

Wenn Peter Eötvös am 22. September 2016 in der Stuttgarter Liederhalle das erste Konzert des dann fusionierten SWR-Symphonieorchesters mit Dienstsitz Stuttgart leitet, dann beginnt für den Sender und die Öffentlichkeit eine neue Zeitrechnung. Rund 80 Konzerte wird das fusionierte Orchester in seiner ersten Spielzeit geben und drei internationale Tourneen bestreiten. Die Abonnementreihen in Stuttgart und Freiburg mit zehn verschiedenen Konzertprogrammen werden beibehalten, wobei in Stuttgart jeweils zwei Konzerte stattfinden. Freiburg erhält vier einwöchige Residenzen, in denen vor allem Vermittlungsarbeit geleistet und Konzerte in kleinerer Besetzung gegeben werden sollen.

Mit Kaija Saariaho und Gustav Mahler stehen in der ersten Saison zwei Komponisten im Mittelpunkt. Für die Wahl eines Chefdirigenten will man sich Zeit lassen. Unter den Gastdirigenten befinden sich mit Christoph Eschenbach, Ingo Metzmacher, David Zinman und Philippe Herreweghe bekannte Persönlichkeiten, zudem wurden junge Dirigenten wie David Afkham und Jakub Hrusa engagiert.

Der Schwerpunkt Neue Musik ist mit knapp vierzig Werken, darunter zwölf Uraufführungen, erhalten geblieben. „Weder sind die schlimmsten Befürchtungen eingetreten, dass für das neue Orchester nur drittklassige Gastdirigenten gewonnen werden könnten, noch gehen manch vollmundige Ankündigungen und Stuttgarter Träume in Erfüllung, dass nun alles besser, schöner und größer wird“, kommentiert Frank-Michael Guthmann, Orchestervorstand und Solocellist des SWR-Sinfonieorchesters, die erste Spielzeit. „Insgesamt muss man unter den gegebenen Bedingungen wohl zufrieden sein, gerade auch weil die Neue Musik weiterhin einen großen Stellenwert haben wird.“

Auch die schwierigen Tarifverhandlungen konnten abgeschlossen werden. Die Deutsche Orchestervereinigung als zuständige Gewerkschaft hat der vom Sender gewünschten Teilbarkeit des Klangkörpers in zwei parallel arbeitende Ensembles für den Zeitraum von fünf Jahren zugestimmt. Das bisher nur mündlich gegebene Versprechen von Intendant Peter Boudgoust, es werde keine Kündigungen geben, wurde bis 2023 tariflich abgesichert. Fahrt- und Mietkostenzuschüsse für die Freiburger Musiker sind nun auch fixiert.

Dass nun alles glatt läuft, ist aber nicht zu erwarten. Durch die Fusion gibt es statt zwei alternierender Konzertmeister deren vier, die statt der auf dieser Position üblichen 50 nur 25 Prozent Dienst tun. Auch bei vielen Bläserregistern wie den Trompeten, Klarinetten, Hörnern und Fagotten wird es voraussichtlich vier Solo-Stellen geben und nicht zwei, wie das am Ende des Fusionsprozesses der Fall sein soll. Je nach Stimmgruppe müssen manche Musiker bei gleicher Bezahlung viel häufiger Dienst tun als andere – über Jahre und vielleicht Jahrzehnte hinweg. Das ist nicht gerade günstig für das Betriebsklima.

Ob das fusionierte SWR-Symphonieorchester in ein bis zwei Jahren an der Spitze ankommen wird, wie Johannes Bultmann, künstlerischer Gesamtleiter der SWR-Klangkörper und Festivals, in einem Interview Anfang 2013 selbstbewusst verkündete, scheint fraglich. Die wichtige Frage nach dem Profil des neuen Orchesters ist bislang nicht beantwortet. Offene Positionen werden gestrichen und gar nicht mehr neu besetzt, bis die Zielstellenzahl von 119 Planstellen erreicht ist. Das Durchschnittsalter der Orchestermitglieder wird dadurch kontinuierlich ansteigen. Und warum sollte denn – nach all den Vertrauensbrüchen und den vielen konkreten Problemen – nun plötzlich schnell und reibungslos zusammenwachsen, was nie zusammengehörte?

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