Kultur : Fuß ohne Wiederkehr

Die Tanztruppe der Komischen Oper feiert ihre Abwicklungsparty. Und ab Herbst macht das „Staatsballett Berlin“ alles anders

Frederik Hanssen

Die Szene bleibt unvergesslich: Am Ende der Saison-Pressekonferenz 2002/2003 meldet sich die Ballettchefin der Komischen Oper, Blanca Li, und erklärt, sie müsse ihrem Ärger jetzt noch einmal Luft machen. Dann singt sie zur Verblüffung der versammelten Journalisten, ziemlich schräg, aber in Originalsprache, die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“: „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“

Am Tag von Blanca Lis Debüt als Koloratur-Choreografin wurde auch das neue Logo der Komischen Oper vorgestellt. Über einem großen ovalen O liegt ein Dreiklang: Ein Pünktchen rechts, eines links und das dritte direkt auf dem rechten Schenkel des Buchstabens. „Das O steht für Ostler“, raunte man sich bald in der Kantine des Opernhauses zu, „und einer von drei Schüssen hat getroffen.“

Dass die Tanztruppe des Hauses das Opfer sein würde, ahnten damals schon viele. So richtig von Herzen mochte sich Harry Kupfers Nachfolger als Chefregisseur, Andreas Homoki, nie zur Ballettsparte bekennen. Als beim Ringen um die Gründung der Berliner Opernstiftung die Häuser ihre Sparangebote vorzulegen hatten, stellte Homoki seine Kompanie zur Disposition.

Blanca Li war da längst wieder abgesprungen. Ihre Amtszeit blieb ein Intermezzo, so wie es schon bei ihrem Vorgänger Richard Wherlock gewesen war. Für die Tänzer der Komischen Oper aber setzte der umgekehrte Ebay-Effekt ein: Drei, zwei, eins – keins! Am Sonnabend stehen sie letztmalig auf der Bühne. Auf eigenen Wunsch verabschieden sie sich nicht mit der finalen Neuproduktion „Metamorphose“, sondern mit dem Deborah-Colker-Abend „Casa“. Danach – und das spricht für den Galgenhumor der Gefeuerten – steigt eine große Abwicklungsparty.

Nur ein einziger Tänzer des 22-köpfigen Ensembles wird im Herbst dabei sein, wenn das so genannte „Staatsballett Berlin“ offiziell seine Arbeit aufnimmt. Unter dem Dach der Opernstiftung wird der Tanz erstmals als autonome Sparte arbeiten können, organisatorisch unabhängig vor allem von den Begehrlichkeiten der inszenierenden Intendanten, die vor allem nach optischem Füllmaterial für die Balletteinlagen der großen Opern verlangten.

Eine der wenigen, die sich so richtig über die Neuordnung der Berliner Tanzlandschaft freuen kann, ist Christiane Theobald. Kein Wunder, denn sie arbeitet als Ballett-Dramaturgin für die Staatsoper Unter den Linden. Und von hier kommen die meisten Mitglieder des Staatsballetts: 67 Tänzerinnen und Tänzer. Addiert man die 20 Mitglieder des Corps de ballet der Deutschen Oper hinzu und den einen von der Komischen Oper, ergibt sich die Summe von 88 Planstellen. Zum Vergleich: Die Pariser Opéra verfügt über 160.

Auch Berlin hätte eine wesentlich größere Kompanie haben können – der ehemalige Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, Gerhard Brunner, hatte schon 1997 von der Kulturverwaltung den Auftrag erhalten, mit dem BerlinBallett die Truppen der drei Opern in die Freiheit zu führen. Weil Daniel Barenboim sich aber schützend vor seine Tänzer warf, scheiterte der Plan.

Dass nun ausgerechnet die Staatsoper als Sieger aus der Balletttragödie hervorgeht und ihr Tanzchef Vladimir Malakhov Intendant wird, ist besonders bitter: Die Tänzer der Komischen Oper, die als einzige auf Brunners Vorschläge eingingen, wurden gefeuert, die Truppe der Deutschen Oper ist zerschlagen. Nicht einmal mehr einen würdigen Abschied vermochte das Staatsballett dem Ensemble der Bismarckstraße zu ermöglichen. Die drei letzten Tanzabende an der Bismarckstraße mussten ersatzlos gestrichen werden. Dass sich viele der Gekündigten zum Saisonende krank melden würden, war abzusehen. Doch eigentlich hätte hier bereits die Aushilfenregelung des Staatsballetts greifen müssen. Doch Unter den Linden stand „Giselle“ auf dem Programm – und da konnte man kein Paar Beine entbehren.

Einen kleinen Finger allerdings streckt Vladimir Malakhov dann in der kommenden, ersten Staatsballett-Saison doch aus in Richtung Charlottenburg: Sieben Mal wird der weltweit gefeierte Russe in der Deutschen Oper auftreten, im Rahmen einer Personality-Show: Die Gala „Malakhov & Friends“ dürfte auch im größten Opernhaus der Stadt dann wieder für ausverkaufte Abende sorgen.

Im Übrigen entlockt ein Blick auf die Liste der 100 Ballettvorstellungen der Saison 2004/2005 den Fans nicht gerade Freudenschreie: Mit Kenneth MacMillans Siebzigerjahre-Choreografie „Manon“ geht man ebenso auf Nummer sicher wie mit den Balanchine- und Strawinsky-Abenden und einer Neueinstudierung von Béjarts „Ring um den Ring“. Vielleicht sollte es auch Vladimir Malakhov mal mit Koloratur-Arien probieren.

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