Kultur : Fußball-Affäre: Aus dem Tritt

Ulrike Fokken

Mit den komplizierten Inhalten des Verkehrswegeplans oder des Raumordnungsberichts hat Reinhard Klimmt nun keine Probleme mehr. Mühelos referiert er minutenlang über die Schwierigkeiten in einem gewachsenen Siedlungsgefüge wie in Deutschland, über die nachhaltige Flächennutzung und über die Auslastung des Fernstreckennetzes bei der Deutschen Bahn. Die lehrreichen Vorträge des fachpolitischen Autodidakten lullen die Zuhörer manches Mal ein. Dann wieder überrascht der geborene Berliner Klimmt sie mit einer schnodderigen Offenheit und komischen Einlagen. "Da kann ich doch alle fünf Minuten einen fahren lassen", überraschte Klimmt kürzlich Zuhörer mit seiner Meinung über den Zugverkehr zwischen Hannover und Berlin. Er ist entsetzt über die wenigen Züge, die ihm da auf der Strecke in seinem Ministerauto entgegenkommen.

Der Minister untermauert sein Fachwissen aus einem Jahr in dem Ressort für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen auch gern mit praktischen Beispiele aus dem täglichen Leben. "Wenn ich mal nachts nicht schlafen kann, dann höre ich ja, wie viele Güterzüge auf der Hauptstrecke hinter meinem Haus fahren", erzählte er in der vergangenen Woche. "Und das sind nicht viele - ich kann da ganz ruhig schlafen." Er würde sicher gern auf Schlaf verzichten, wenn es der defizitären Bahn dadurch besser ginge.

Über seine eigene Zukunft als Minister konnte Klimmt in der vergangenen Woche auch noch gut schlafen. Schon bevor ihm der Strafbefehl am Montag zugestellt wurde, hatte Kanzler Gerhard Schröder ihm seine Unterstützung zugesichert. "Schröder hat sich letzte Woche entschieden, Klimmt zu halten", sagt ein Regierungsmitglied. Bis zum Nachmittag. Doch in den Fluren der Fraktionen und im Reichstag raunten sich die Abgeordneten zu dem Zeitpunkt bereits zu, dass Klimmt fällt, wenn der Druck zu groß wird. Und dann kam noch Fraktionsvorsitzender Peter Struck und legte Klimmt recht verklausuliert den Rücktritt nahe: Am Montag, als Klimmt den Strafbefehl annahm, sei er dem Rat seiner Anwälte gefolgt. "Ich habe ihm heute einen anderen Rat gegeben", sagte Struck und sprach nicht das böse Wort Rücktritt aus.

Das Feuer eröffnet hatten die eigenen Genossen aus der hessischen SPD. Sie wollen Klimmts Rücktritt, damit sie nicht unglaubwürdig werden. Schließlich fordern sie seit Januar den hessischen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch auf, von seinem Amt zu lassen und Neuwahlen auszurufen. Koch ist tief in die Schwarzgeldaffären der CDU verstrickt und soll sogar seine umstrittene Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft mit dem illegalen Geld der CDU bezahlt haben. Schröders Unterstützung für Klimmt "hält sowieso höchstens noch drei Tage", mutmaßte gestern Mittag ein Mitglied im hessischen SPD-Landesvorstand. Auch die Mitglieder der SPD-Fraktion im Landtag haben gestern "einhellig den Rücktritt des Bundesverkehrsministers" gefordert, sagte ein Teilnehmer nach der Fraktionssitzung. Die hessischen Grünen trauen sich sogar aus der Anonymität. "Ein vorbestrafter Minister muss gehen", forderte Tarek Al Wazir, Vorsitzender der Landtagsfraktion, gestern. Die Union ist unisono dieser Ansicht. Ein vorbestrafter Minister sei unvereinbar mit der Vorbildfunktion des Amtes, findet CDU-Fraktionsmanager Hans-Peter Repnik. Klimmt müsse zurücktreten oder Schröder solle bei Bundespräsident Rau um die Entlassung des Verkehrsministers bitten, heißt es in CDU, CSU und FDP.

Das ist nur eine Frage der Zeit, meinen die Taktiker im Bundestag. "Wenn die Diskussion zum Ärgernis wird, dann wird Schröder biblisch werden", prophezeit Michael Glos, Landesgruppenchef der CSU im Bundestag. Mit anderen Worten: Wenn dem Kanzler die Häscher zu dicht folgen, wird er seinen Parteibruder opfern.

Das Opfer Klimmt würde nicht nur dem Kanzler helfen. Auch Walter Riester, der glücklose Arbeitsminister und Rentenreformer, kann sich nach dem Abgang von Klimmt entspannter in seinem Ministersessel zurücklehnen. Denn Kabinettschef Schröder wird kaum zwei seiner Minister zur selben Zeit auswechseln, zumal beide als letzte Linke unter Schröders Kabinettsbesetzung gelten. Riester war sogar damals 1998, lange vor der Wahl, als Erster in das Schattenkabinett berufen worden. Er sollte helfen, die Gewerkschaften an die SPD zu binden. Das klappte nicht immer, glückt nun aber wieder, wenn auch nicht zur Zufriedenheit der ganzen Koalition. Denn Riester hat so lange an der als Zukunftsprojekt angelegten Rentenreform herumgebastelt, bis ihm das klare Ziel der Reform abhanden gekommen ist. Nicht mal einen griffigen Slogan für die sichere Rente hat Riester in zwei Jahren Ministerzeit produziert. Die Gewerkschaften sind zwar nun zufrieden gestellt, aber als Modernisierer kann der Kanzler mit der Reform nicht mehr auftreten.

Walter Riester ist Schröder als Person nützlich, aber nicht als Fachminister. Reinhard Klimmt hingegen ist als Fachminister nötig, aber als Person störend. Verkehrsexperten bescheinigen Klimmt eine hohe Kompetenz in der Sache. Von Riester sagen die Rentenexperten, die ab und zu ins Ministerium gerufen werden, dass er "beratungsresistent" ist. Klimmt hat noch Anfang des Jahres in kleinem Kreis erzählt, dass er auch gern mit seinen Enkeln spielen würde, nachdem er nun nicht mehr saarländischer Ministerpräsident ist. Dazu wird er vielleicht bald wieder Zeit haben.

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