Kultur : Fußball-Affäre: Der Minister als Störfall für die Grünen

Thomas Kröter

In dem dichten Pulk der Kameraleute ist die massige Gestalt kaum zu erkennen. Ein starker Auftritt sollte das werden für Rezzo Schlauch. Vor der Fraktion. In der Fraktion. Im Rentenstreit mit dem großen Koalitionspartner ein starkes Ergebnis. Mit diesem Bewusstsein waren Schlauch und Kerstin Müller, das Spitzenduo der Grünen im Bundestag, an diesem Morgen vom Frühstück mit ihrem sozialdemokratischen Amtskollegen Peter Struck in ihre Büros an der Berliner Luisenstraße zurückgekehrt. Krise beigelegt, Gesicht gewahrt - so wollte Schlauch sich stolz präsentieren.

Drüben im Reichstag hatte man in der Nacht einen achtbaren Kompromiss zugunsten von Gesundheitministerin Andrea Fischer bei der Invalidenrente rausgeholt. Dann mit Struck die Vorlage aus dem Arbeitsministerium zur privaten Altersvorsorge um einen entscheidenden Satz erweitert: Durch ihre Verschiebung dürfe die Lastenverteilung "nicht zuungunsten der jüngeren Generation verändert werden". Auf Deutsch: Keine Beitragserhöhung, weil die Rentner zur Finanzierung der Privatvorsorge erst später zur Kasse gebeten werden.

Unruhe hatte die Affäre in die Koalition gebracht. Die Sozialdemokraten reagierten gereizt auf das neue Selbstbewusstsein des Juniorpartners. Bis dato hatte zum Beispiel Andrea Fischer in der Gesundheitspolitik meist ziemlich allein gestritten. Nun sprang plötzlich Parteichef Kuhn ihr bei - und zwar nicht diskret, wie man es von seinem Realo-Freund Schlauch gewohnt war, sondern eher schrill, wie man es so wenig an Müller schätzt.

Unruhe aber auch bei den Grünen. Denn die beiden Fraktionäre müssen sich erst daran gewöhnen, dass die Parteispitze halbwegs professionell reagiert. Überreagiert ließ man verlauten. Bloß nicht zu viel Streit. Schließlich kriselte es in der Sache auch in der SPD. Doch die bewährten Kompromissdrähte funktionierten. Ruhe schien wieder einkehren zu können nach der kurzen Operation Profilierung. So war es geplant.

Denkste. Wieder ein Störfaktor mit "K". Diesmal nicht Kuhn, sondern Klimmt. Kein Grüner, ein Sozialdemokrat. Einig mit den Verantwortlichen beim großen Partner hatten die Grünen versucht, das Thema eines, wenn auch "nur" durch einen Strafbefehl, aber eben doch vorbestraften Ministers so niedrig wie möglich zu hängen. Doch noch während die Kompromissrunde im Reichstag debattierte, hängten die Nachrichten der Fernsehanstalten das Thema immer höher. Aber dann träufelten am Dienstag mittag die ersten Nachrichten aus Hessen nach Berlin. Erst Kreise der SPD, dann forderte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im hessischen Landtag den Rücktritt des Verkehrsministers. Sie sahen ihre Glaubwürdigkeit bedroht. Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen, lautete nun die Devise, vor allem: Ansteckung meiden. Klimmt ist Sozialdemokrat, sein Rücktritt oder Nicht-Rücktritt also Sache der SPD. Eine einfache Logik. Schließlich mögen auch die Grünen nicht, wenn ihre Minister vom Partner angemistet werden. So wie das - aus anderen politischen Gründen - lange mit Jürgen Trittin und zum Schluss mit Andrea Fischer der Fall war.

Also kommentiert Rezzo Schlauch irgend etwas in die Kameras und Mikrophon, was auf den Nenner sich bringen lässt: Kein Kommentar! Unter den Grünen Abgeordneten gibt es dies Haltung ebenfalls: Bloß Ruhe bewahren. Da hat sich ein Fachpolitiker zum Beispiel so gut an den Minister gewöhnt. Doch es gibt auch andere Stimmen: Eine Fachpolitikerin spricht die Frage der Glaubwürdigkeit an. Christian Ströbele, wie der sozialdemokratische Anti-Klimmt-Frondeur Volker Neumann im Parteispenden Ausschuss tätig, mag öffentlich eine Rücktrittsforderung nicht ausschließen. Und dann tritt wieder die Unruhe stiftende Parteispitze auf den Plan: Mehr oder weniger unverblümt legt sie Klimmt den Rücktritt nahe.

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