Fußball-Debatte : Spielhälfte des Lebens

Auswärtssieg: Schriftsteller, Politiker und ein Weltmeister diskutieren in Neuhardenberg über Fußball

Patrick Wildermann

„Wir leben alle auf dieser Erde. Aber auf verschiedenen Spielhälften.“ Wer das gesagt hat? Niemand Geringerer als der große Fußballphilosoph Klaus Augenthaler. Wie recht der Mann wirklich hatte, wusste man bis heute nicht.

„Der Pass in den freien Raum“ lautete der Titel einer Konferenz, zu der die Stiftung Schloss Neuhardenberg eingeladen hatte. Über die Liaison von Fußball und Politik sollte in drei Runden mit Gästen aus Sport, Kultur und Wissenschaft diskutiert werden, und dass es ein munterer Tag werden würde, war eigentlich schon bei der Ankunft klar. Da lief im Garten des Anwesens Jimmy Hartwig, als Mittelfeldspieler mit dem HSV drei Mal deutscher Meister, auf und ab, sein Handy am Ohr, und rief dem Fremden bitter lachend zu: „Verdammte Banken! Die Hälfte meiner Aktien zum Teufel!“

Viele Fragen, ach was, Utopien wurden am Morgen formuliert, etwa: Sind Fußballer die besseren Europäer? Ist Fußball der Politik voraus? Die Antworten am Abend lauteten: nein und nochmals nein. Aber dazwischen lag ein Tag, für den man der Stiftung und dem Konzeptverantwortlichen, dem Journalisten Markus Verbeet, durchaus dankbar sein darf. Selten wurde die Illusion von der integrativen Kraft des Fußballs so unterhaltsam pulverisiert.

Im Jahr 2012 richten Polen und die Ukraine, ein Jung- und ein Nicht-Mitglied der EU, gemeinsam die Fußball-Europameisterschaft aus, auch das war Thema hier, und zwar ein unerwartet brisantes. Es dunkelte schon, allen waren die Sepp-Herberger-Zitate ausgegangen, als es zu einem bemerkenswerten Dialog kam. „Diese Länder haben das Gefühl, die EU lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern“, gab Joachim Rogall, Professor bei der Robert-Bosch-Stiftung, zu bedenken. „Aber diese Länder machen sich nicht fit für Europa“, blaffte Elmar Brok, Europa-Parlamentarier der CDU, zurück.

Bemerkenswert war das deshalb, weil zwischen beiden schweigend wie gescholtene Schulbuben der ukrainische Botschaftsrat Oleh Mirus und der Pole Andrzej Bogucki saßen, Vizepräsident der EM-Koordinierungsgesellschaft „PL.2012“. Sicher, die waren auch als Imageverkäufer in eigener Sache unterwegs, was der Sportjournalist Olaf Sundermeyer mit Verweis auf Hooligan-Problematik und Korruptionsauswüchse attackierte – auch er im Besserwessi-Ton. Welten prallten derart aufeinander, dass Bogucki am Ende zornig rief: „Warum verkaufen Sie nicht gute Nachrichten?“ Ehe man wirklich von einem vereinten Europa wird sprechen können, heiraten Jürgen Klinsmann und Oliver Kahn.

„Fußball ist viel zu bescheuert, als dass er diese exzessive Aufmerksamkeit verdienen würde“, hatte der Schriftsteller Thomas Brussig zu Beginn der Veranstaltung eingeworfen, und an dem Satz ist natürlich was dran. Andererseits: Die von seinem Kollegen Moritz Rinke geistreich moderierte Debatte über „Identitätsstiftung durch Fußball“ hatte mehr Unterhaltungswert als manches WM-Finale. Es ging mal wieder um die wahre Republikgründung anno ’54 in Bern, mithin um einen Mythos, an dessen Strahlkraft auch die intelligenten Korrekturversuche des Soziologen Norbert Seitz und des Historikers Nils Havemann nicht zu rühren vermochten.

Weltmeister-Veteran Horst Eckel saß als Verkörperung deutscher Bescheidenheit auf dem Podium und erzählte, wie Herberger nach dem WM-Sieg in der Kabine das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ befahl, und dass es als Prämie eine Waschmaschine und tausend Mark gab. Rudi Gutendorf, ein Mann mit abenteuerlicher Biografie und noch abenteuerlicheren Ansichten, sprang begeistert bei, zeterte über heutige Jungmillionäre und beklagte Mannschaften, in denen kaum noch ein Deutscher spiele. Wobei, auch Afrikaner beispielsweise seien natürlich tolle Kerle (er weiß das aus der Zeit, da er als Trainer-Missionar im Alleingang Ruanda befriedete), „die lachen mit ihren strahlend weißen Zähnen und sind dankbar, dass sie genug zu essen haben“.

Jimmy Hartwig, Teilnehmer der Runde „Europäisierung durch Fußball“, wusste später zu berichten, wie es sich so anfühlt, wenn man in der Heimat als „Scheiß Neger“, im Ausland hingegen als „Scheiß Deutscher“ beschimpft wird. Fußball, das ist eben auch eine schizophrene Welt des Rassismus, der Homophobie und der Geschäftemacherei. All das irrlichterte auf an diesem schönen Herbsttag in Neuhardenberg, der nichts Menschliches und Heutiges aussparte, nicht mal den Disput zwischen Ballack und dem Bundestrainer. Kommentator Horst Eckel, bitte: „Unter Herberger wäre das gar nicht erst passiert“.

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