Fußball ist unser Leben : Nichts kann größer sein

Deutsch-spanische Realität: Die schönste Nebensache der Welt war einmal - dieser Tage ist der Fußball zur Hauptsache geworden.

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Helden dieser Zeit: Marco Reus, Mario Götze und Co.
Helden dieser Zeit: Marco Reus, Mario Götze und Co.Foto: dpa-bildfunk

Man muss dieser Tage wohl selbst als glühendster Fußballfan an der Realität verzweifeln. Ist doch bislang nur Fußball gewesen, die schönste Nebensache der Welt, von der man freilich nie genug bekommen konnte! Aber so viel Fußball wie in der vergangenen und der kommenden Woche? So viel Hoeneß, so viel Götze und Lewandowski, so viel Steuerbetrügereien, so viel gezielte oder zufällige Ablenkungsmanöver von diesen Steuerbetrügereien, so viel Bayern und Borussia, Barca und Real? So viel Fußball als Hauptsache?

Nein, der Fußball in diesen Tagen ist leider nicht zu gebrauchen für wunderbare Ablenkung, für die Flucht aus der Alltagsrealität, für neunzig Minuten Kontemplation und Wirklichkeitsverlust. Die dringend benötigte Muße, um sich danach wieder gestärkt der Arbeit, der Familie und was und wem auch immer widmen zu können, die kann der Fußball zur Zeit nicht liefern. Nur beinharten Diskussionsstoff.

Der Hoeneß, der muss unbedingt ins Gefängnis, fordert mein Nachbar, der bei Steuervergehen keine Nachsicht und schon gar keine Verdienste um den Fußball kennt. Ob wir eigentlich dieses Jahr wieder nach Spanien fahren wollen, fragt mich eine Freundin besorgt – und sie fragt nicht, weil sie an die spanische Finanzmisere, an Angela Merkels eiserne Hand und mögliche antideutsche Ressentiments denkt. Sondern sie denkt an den mutmaßlichen Triumph der deutschen Fußballvereine und dass die Spanier deshalb gerade nicht so gut auf deutsche Urlauber zu sprechen sind. Ja, der Fußball, der ist womöglich größer als das Leben.

Und dann sitzt da noch P. bei uns im Wohnzimmer. P. stammt aus Madrid, sie ist Ende dreißig, seit einigen Monaten lebt sie in Berlin. Ihr Freund ist Deutscher, doch nach Deutschland gekommen ist sie vor allem, um sich beruflich neu zu orientieren, wie so viele Spanier im Moment. P. hat lange bei Telefónica gearbeitet, dort auch viel Geld verdient, ihr gehört eine Wohnung in Madrid. Ende 2011 aber wurde sie wegen massiven Arbeitsplatzabbaus bei Telefónica gekündigt, immerhin gab es eine hohe Abfindung. Jetzt macht sie in Berlin eine Lehre als Schneiderin.

Leidensgenossinnen hat P. auf dem Arbeitsamt und überhaupt in Berlin genug kennengelernt, und auch jeder Berliner kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Die Stadt ist voller Spanier. Nur lässt sich oft schwer unterscheiden, ob sie Touristen oder wie P. Arbeitssuchende sind. Für Fußball jedoch, das ist sicher, interessieren oder begeistern sich alle.

P., na klar, als madrilena, ist Real-Fan. Die Niederlage gegen Dortmund war schlimm. Aber sie kann den Fußball und ihre berufliche Situation gut voneinander trennen. Sie braucht die Erfolge von Real nicht für ihr Selbstbewusstsein. Nur ihren Vater, mit dem sie wöchentlich telefoniert, hat sie diese Woche nicht angerufen. „Der leidet, der braucht noch ein paar Tage, bis er wieder ansprechbar ist.“

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