Kultur : Futuristisch

Stockhausens „Hymnen“ beim Musikfest Berlin.

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Während sie in Amerika Neil Armstrong zu Grabe tragen, bringt das Musikfest Berlin ein avantgardistisches Hauptwerk eines Neutöners aus dem Jahre der Mondlandung zu Gehör. Es sind Karlheinz Stockhausens „Hymnen“: eine collagenartige Fantasie über verschiedene Nationalhymnen für Orchester und Tonband, in der dem „Star Sprangled Banner“ eine prominente Rolle zukommt. Und wie im Falle des Raumfahrtpioniers hängt auch im leicht aus der Zeit gefallenen Großen Sendesaal des RBB die Frage in der Luft, was denn noch aktuell ist an den futuristischen Visionen von einst. Rührend altmodisch wirkt jedenfalls die Weltempfänger-Metapher: das radiophone Rauschen und Knacken, mit dem sich Stockhausen durch die Welt der nationalen Erkennungsmelodien bewegt.

Umso frappierender ist es, wenn dazwischen elektronische Klänge entstehen, die man heute als Chiffren des Techno kennt. Es ist gut, das Peter Eötvös und das Ensemble Musikfabrik das kurzweilige Stück zwei Mal am Abend spielen. Jetzt kann sich die Aufmerksamkeit mehr auf rein musikalische Aspekte konzentrieren – und auf die Leistung von Peter Eötvös: Obwohl er mithilfe einer digitalen Hüllkurve dirigiert, verleiht er dem Stück eine natürliche, körperliche, kraftvolle Präsenz, bei der sich organische wie anorganische Klangmaterie zu einer neuen Einheit verbinden. Einen ebenso klugen wie paradoxen Kontrapunkt zu den Aufführungen liefert Benjamin Kobler mit Stockhausens Klavierstück X: Je gewaltiger die Energie, mit der er auf die Tasten hämmert, desto größer ist die Aufmerksamkeit für das Eigenleben der Nachklänge – zu denen auch die Stille gehört. Carsten Niemann

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