• G-8-Gipfel: Die Hand am Drücker. Berlins Polizei kennt Gewalt - deswegen fordert die Gewerkschaft eine "Nicht-Schießausbildung"

Kultur : G-8-Gipfel: Die Hand am Drücker. Berlins Polizei kennt Gewalt - deswegen fordert die Gewerkschaft eine "Nicht-Schießausbildung"

Lars von Törne

Bei vielen Berliner Polizisten wecken die Bilder aus Genua böse Erinnerungen an eigene Erfahrungen. Ein Einsatzwagen steckt eingeklemmt zwischen militanten Demonstranten, Gegenstände werden auf die Beamten geworfen, die Dienstpistole wird gezogen: "Solche Situationen haben unsere Kollegen schon oft erlebt", sagt Polizeihauptkommissar Uwe Hundt, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Berliner Polizei und stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. "Aber Gott sei Dank haben sie bisher immer einen anderen Ausweg gesehen, als die Waffe zu benutzen."

Vor allem bei den Krawallen am 1. Mai hätten seit Ende der 80er Jahre immer wieder attackierte Beamte in ihrer Not zur Pistole gegriffen. "Meist aber nur, um dem Gegenüber zu zeigen, dass er aufhören soll", sagt Hundt. "Dann haben sie immer eine Lösung gefunden, die Situation zu entschärfen, ohne dass sie schießen mussten."

Eine tödliche Eskalation wie jetzt beim G 8-Gipfel hält Hundt in Berlin für unwahrscheinlich. Die Polizisten in Genua "waren in der Situation einfach überfordert", sagt er. "Die haben eben nicht die Erfahrung, jedes Jahr mehrere gewalttätige Demonstrationen zu erleben." Deswegen sei die Situation auf Berlin kaum übertragbar: "Unsere Einsatzhundertschaften haben genug Erfahrungen gemacht, um auch in brenzligen Situationen angemessen zu reagieren." Auch bei einer Attacke mit einem Feuerlöscher wie in Genua? "Was soll denn da passieren, das sich durch einen Schusswaffengebrauch ändern lässt?", fragt Hundt. "In solchen Situationen würde in Berlin niemand auf die Idee kommen, eine Schusswaffe einzusetzen."

Wie man Gewaltsituationen entschärft, steht seit einigen Jahren auf dem Lehrplan der Berliner Polizeischüler. "Jeder Kollege durchläuft während seiner Ausbildung ein Antistress- und Kommunikationstraining", sagt Hundt. In Rollenspielen werden die Polizisten provoziert, beschimpft und angegriffen, bis es eskaliert. Hinterher besprechen sie mit Experten, wie sie den Konflikt anders hätten lösen können. Die Notwendigkeit solcher Schulungen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, sagt Hundt: "Im täglichen Dienst ist seit Jahren eine zunehmende Gewaltbereitschaft zu spüren." Vor allem bei Großveranstaltungen sei die Rücksichtnahme darauf gesunken, "dass ein Polizist auch ein menschlicher Körper ist." Auch bei ganz normalen Verkehrsunfällen würden immer häufiger Polizisten angegriffen. "Die Gewaltspirale hat sich hochgeschraubt."

Aus Sicht der Gewerkschaft ist die Schulung der Berliner Beamten aber noch verbesserungsbedürftig. Vor allem die Ausbildung an der Waffe müsse reformiert werden, sagt Hundt. So wird intern seit einiger Zeit darüber diskutiert, nach nordrhein-westfälischem Vorbild die Schießausbildung durch eine Nicht-Schießausbildung zu ergänzen. "Da lernen die Kollegen neben dem Umgang mit der Waffe, wie sie den Schusswaffengebrauch verhindern können." Erste Modellversuche habe es in Berlin bislang bei der Bereitschaftspolizei gegeben. Die Gewerkschaft macht sich jetzt dafür stark, allen Polizisten systematisch das Nicht-Schießen beizubringen. Damit Tragödien wie die von Genua verhindert werden.

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