Kultur : G-8-Gipfel: Mit aller Gewalt

Ruth Reimertshofer,Roland Pichler

Kurz nach 12 Uhr mittags: Bundeskanzler Schröder betritt gerade den G-8-Tagungsort. Draußen ziehen die Sicherheitskräfte in Genua erstmals ihre Tränengasmasken auf. Gut 1000 Demonstranten, darunter viele deutsche Studenten und Gewerkschafter, erreichen die Absperrungen. Wütend schlagen sie gegen die vier Meter hohen Gitter. Zum Palazzo Ducale, wo Schröder und die anderen Welt-Führer sich zum Mittag essen setzen, sind es noch mehrere hundert Meter. Doch die Carabinieri wollen kein Risiko eingehen, nur wenige Minuten sehen sie dem Treiben zu, dann krachen die ersten Tränengassalven - Gipfelauftakt, Randale-Auftakt. Mit tödlichem Ausgang.

Panikartig suchen die Demonstranten das Weite, die zuvor noch an mehreren Stellen versuchten, den Sicherheitskordon zu durchbrechen und in die "rote Zone" vorzudringen. Die Polizisten prügeln hart. Und sie schießen. Dabei wird ein Demonstrant in der Via Caffa getroffen und stirbt später an seinen Verletzungen. Ein Fotograf berichtet, der Mann sei beschossen worden, nachdem er einen Feuerlöscher gegen ein Polizeifahrzeug geschleudert habe. Als der verletzte Mann zu Boden gegangen sei, habe ihn ein Polizei-Jeep überrollt.

Nur Minuten später geht eine Frau ebenfalls in der Via Caffa zu Boden. Schwere Verletzungen am Kopf werden später diagnostiziert. Vermutlich wurde sie von einem Panzerwagen der Carabinieri überfahren. Die junge Frau schwebte am Freitagabend in Lebensgefahr.

Die zahlreichen Beobachter sind so geschockt wie die Politiker. Trauerstimmung. Dabei hatten die friedlichen Kräfte der Globalisierungsgegner die Situation schon fast in den Griff bekommen. Immer wieder hatten die Behörden und der Bürgermeister in Genua vor dem so genannten "schwarzen Block" der militanten Demonstranten gewarnt. Jeder, der in der Nähe dieser Gruppe auftauche, hieß es, müsse mit der ganzen Gegengewalt der Polizei rechnen. Das hatte gewirkt. Doch gerade als die große Masse sich wieder zurückziehen wollte, auch um zu demonstrieren, wir haben mit diesen Gewalttätern nichts zu tun, passierte das Unglück. Wie ein Lauffeuer macht die böse Nachricht die Runde. Bald schon schreien die ersten Protestler "polizia assassini", "Polizei, Mörder".

Grafik: Die Sicherheitsmaßnahmen beim G-8-Gipfel Innerhalb der "roten Zone" ist es ruhig. Die Politiker bekommen zunächst nichts mit. Vor dem Palazzo Ducale winken Gerhard Schröder um 12 Uhr Mittags nur ein paar Dutzend Zuschauer zu, einige jubeln sogar. Diese Stimmen gehen allerdings im Getöse und Geknatter der Hubschrauber unter, die über dem Palazzo kreisen. Die Mächtigen der Welt treffen sich weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Italienische Soldaten und Polizisten sorgen dafür, dass die Politiker von den Demonstranten unbehelligt bleiben. Mehrere Kilometer vom Palazzo Ducale beginnt bereits die erste Sperre. Vor den Sperren drängen die Demonstranten, dahinter liegt eine Geisterstadt. Banken, Modegeschäfte und Bäckereien sind geschlossen, die breiten Straßen leer. Die italienischen Beamten haben alles aufgeboten, was sich mobilisieren ließ. An den Eingängen zur Sicherheitszone haben Beamte Zelte aufgebaut, darunter stehen Computer. Die Einsatzleitung informiert auf diesem Weg über den neuesten Stand.

Gestern begann zunächst das Treffen der so genannten G 7: das sind die sieben wichtigsten Industrieländer und der Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi. In dieser Zusammensetzung beraten die Politiker erst einmal über die Weltkonjunktur und den Schuldenerlass für die ärmsten Entwicklungsländer. Immer dann, wenn es um finanzielle Fragen geht, bleiben die Industrieländer unter sich: der russische Präsident Wladimir Putin nimmt dann nicht an den Beratungen teil. Er ist daher auch als letzter am gestrigen Nachmittag nach Genua angereist. Mit seinem Eintreffen ist die G 8 nun komplett.

Mit einem hoch dotierten Gesundheitsfonds wollen die Regierungschefs unter Beweis stellen, dass ihnen die Anliegen der Demonstranten nicht gleichgültig sind. An dem Fonds sollen sich Staaten, aber auch Unternehmen beteiligen. Allein Deutschland will sich mit rund 300 Millionen Mark beteiligen. Mit den Geldern sollen vor allem Krankheiten wie Aids, Malaria und Tuberkulose bekämpft werden. Direkt vor dem Tagungsort haben Anwohner ein Transparent aufgehängt, in dem sie den Italiener Romano Prodi an die Verantwortung für die Entwicklungsländer erinnern. "Prodi, denke an die Probleme", steht dort.

Derweil geht die Randale vor allem in den Außenbezirken weiter, Fensterscheiben von Geschäften gehen zu Bruch, Autos werden angesteckt. Doch das Schlimmste steht vermutlich noch bevor, glauben die Beobachter. "Bisher haben wir lediglich ein paar Brandzeichen gesetzt", meint ein Italiener unter einem dicken Helm und Halstuch. "Der eigentliche Angriff kommt erst am Samstag und Sonntag." Als er das sagt, hat ihn die Meldung über den erschossenen Demonstranten noch nicht erreicht. In Genua geht die Angst um, vor der Nacht.

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