G.I. Disco : Funky Freiheit

Wie amerikanische Soldaten den Pop nach Deutschland brachten: Das Alliiertenmuseum erzählt von Elvis, Disco und dem Sender AFN. Ein Rundgang.

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AFN-Livesendung mit Moderator George Hudak auf dem Wittenbergplatz.
AFN-Livesendung mit Moderator George Hudak auf dem Wittenbergplatz.Foto: Alliiertenmuseum

Wie amerikanische Soldaten den Pop nach Deutschland brachten: Das Alliiertenmuseum erzählt von Elvis, Disco und dem Sender AFN
Club 50. Starlight Grove. Friendship Lounge. Gator Club. Hi-Lite Recreation Center. Klangvolle Namen, magische Orte. Der „Berlin Observer“ listet ein ganzes Dutzend solcher Clubs auf, in denen amerikanische Soldaten einst tanzten und tranken. Es ging nicht nur – Recreation Center! – um Entspannung, sondern auch darum – Friendship Lounge! –, Freundschaften zu knüpfen, vielleicht sogar deutsch-amerikanische, die damals gerne beschworen wurden. Der Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1975 hängt im Zehlendorfer Alliiertenmuseum in einer Ausstellung, die unter dem Titel „Von G.I. Blues zu G.I. Disco“ von einem besonderen Kulturtransfer erzählt: wie amerikanische Soldaten den Pop nach Deutschland brachten.
Von den Siegern ging 1945 eine unwiderstehliche Lässigkeit aus. Sie kauten Kaugummi, trugen olivfarbene, nicht feldgraue Uniformen und schienen den Krieg auch deswegen gewonnen zu haben, weil sie neben den besseren Waffen auch die bessere Musik besaßen. Der Swing von Glenn Miller, Benny Goodman und den Andrew Sisters, die aufgekratzt stampfenden Synkopen von „In The Mood“ oder „Sing, Sing, Sing“ hatten über Stechschritt und Marschmusik triumphiert.

G.I. Disco
Field Jacket von Elvus Presley, 1959.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Alliierten Museum
30.05.2013 17:45Field Jacket von Elvus Presley, 1959.


Die Ausstellung beginnt mit einer Vitrine, in der „V-Discs“ liegen, Schallplatten mit Livemitschnitten von Radiokonzerten, wie sie zwischen 1942 und 1949 in Army-Clubs und über den Soldatensender AFN verbreitet wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Propagandakrieg, der im Äther ausgetragen wurde. Das „V“ stand für „Victory“, Sieg, und der Jazz leistete seinen Beitrag beim Sieg über die Nazis, die den Jazz bekanntlich hassten.
„Wenn ein Jeep vorbeigefahren ist, hat der Berliner gewunken. Ich winke heute noch, wenn ich ’nen Amerikaner sehe“, erinnert sich Knud Kuntze, einer der Zeitzeugen, die an den Videostationen der Ausstellung zu erleben sind. Kuntze alias Lord Knud, der als Bassist der Beatband The Lords und als Radiomoderator beim Rias zur Lokalberühmtheit aufsteigen sollte, ist in Lichtenrade in Sichtweite der amerikanischen Kasernen aufgewachsen. Um die Sendung „Open House“ im AFN nicht zu verpassen, nahm er sein Kofferradio mit in die Schule. Es war für ihn die einzige Möglichkeit, Rock ’n’ Roll zu hören, der in den fünfziger Jahren von keinem deutschen Sender gespielt wurde. So kündeten die Songs auf den Frequenzen der Siegermacht von einem anderen, freieren, besseren Leben.


Das Prunkstück der Ausstellung hängt an einem Bügel und sieht wie frisch gewaschen aus. Es ist eine US-Army-Jacke, über der rechten Brusttasche prangt das Namensschild: „PRESLEY“. Als Elvis Presley von 1958 bis 1960 bei der 3. US-Panzerdivision im hessischen Friedberg seinen Wehrdienst leistete, wurde er zum Mittelpunkt einer bis dahin in Deutschland unbekannten Pop-Mania.

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